ich mach es anders

Über Shoppen, Sex und Essen

Vor einiger Zeit habe ich das Buch von Nunu Kaller „Kauf mich! Auf der Suche nach dem guten Konsum“ gelesen, in dem es unter anderem über Shoppen und Sex, beziehungsweise was das miteinander zu tun hat, geht. Sehr am Beginn des Buches schreibt sie von einem Gespräch mit einem befreundeten Verhaltensbiologen, der die Frage beantwortet, warum wir so gerne shoppen gehen. Die Antwort lautet am Ende des Tages, hier sehr verkürzt: Sex. Und bei mir kommt das Thema Essen hoch. Warum das so ist? Bitte weiterlesen.

Was Shopping aus verhaltensbiologischer Sicht mit Sex zu tun hat

Jetzt muss ich etwas ausholen und auf den Teil aus dem Buch näher eingehen, der sich mit Shopping und Sex beschäftigt und mich zum Essen bringt. Also…

Nunu fragt ihren Verhaltensiologen-Freund Gregor Fauma, warum wir so gern shoppen gehen. Und er beantwortet das folgendermaßen:

[…] Wer mehr konsumieren kann, lebt länger und gesünder. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist die Konsumgier also logisch: Sie bedeutete früher Nahrung und sicheres Wohnen. Konsum hat aber auch Einfluss auf unsere Sexualität. Nahrung und Sexualität sind miteinander verschränkt. Diejenigen Individuen, die imstande waren, mehr und bessere Nahrungsmittel heranzuschaffen und diese auch zu teilen, waren in der Gruppe die Angesehenen und dadurch auf dem Partnermarkt interessant. […] Und es gilt bis heute: Je besser du dich ernährst, je höherwertiger deine Nahrungsmittel sind -, desto älter wirst du und desto gesünder wirst du alt, und danach sterben wir alle.

[…] Die Sättigung fehlt. Bei Nahrungsmitteln ist es klar, da sagt dein Körper über Hormonkaskaden und Neurotransmitter irgendwann: Stopp, jetzt fängt es an, schädlich zu werden. […] Beim Shopping hast du dieses Sättigungsgefühl schlicht nicht, und in uns geht munter diese Urantrieb „Wenn wir mehr haben, haben wir es besser“ weiter. Es ist das Suchen, das zum Suchtverhalten wird.

Kauf mich! Auf der Suche nach dem guten Konsum: Nunu Kaller, S. 22 ff

Trüffelschwein und Dopamin

Eigentlich geht es auch in der Evolutionsbiologie von Beginn an um das Essen. Nur haben wir über die Zeit verlernt – oder anders, wir müssen uns einfach nicht mehr darum kümmern – uns mit der Nahrungssuche so wie unsere Vorfahren zu beschäftigen. Und damit sind wir im Konsumwahn gelandet, behaupte ich jetzt mal so ganz ohne wissenschaftlichem Beleg. Eine Dopaminausschüttung (das Hormon, das für die Glückgefühle verantwortlich ist) im Zusammenhang mit der Lebensmittelbeschaffung hat mensch vermutlich noch beim Pilzesuchen im Wald. Ich bin da jedenfalls fast nicht zu bremsen und renne wie ein Trüffelschwein durch die Gegend. Bei jedem gefundenen Schwammerl – möge es noch so klein sein – stoße ich einen Schrei der Entzückung aus.

Supermarkt und Langeweile

Aber wie ist generell der normale Alltag? Rein in den Supermarkt, hin zum Regal, Produkt rein in den Einkaufswagen, bezahlen und wieder raus. Mehr ist da nicht und dass sich da die Glücksgefühle sehr in Grenzen halten, ist verständlich. Unter anderem, weil auch bei den Lebensmitteln die „Sortenvielfalt“ verloren geht. Durch die Konzernisiserung des Bereichs sind es überall die gleichen Marken, die wir alle kennen. Und genau den Geschmack wollen wir, nichts anderes. „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht“ besagt ein altes Sprichwort bei uns. Und dabei verzichten wir ganz freiwillig auf eine enorme Geschmacksvielfalt, die uns die Natur eigentlich anbietet.

Warum mich Lebensmittel und gutes Essen glücklich machen

Während ich diese Zeilen von „Kauf mich!“ gelesen habe, reflektierte ich gleichzeitig. Gregor Fauma spricht die ganze Zeit von Nahrungsmitteln und Essen. Wie wichtig das früher war, dass sie zentral waren. Und ich dachte mir: „Es kann ja nicht so schwer sein, das auch heute wieder herzuholen. Wie mach ich das eigentlich? Ich hasse shoppen und bin nach 3 anprobierten T-Shirts streichfähig. Aber ich liebe es, gutes Essen heranzuschaffen.“ Also „Juche!“, ich bin der Konsumfalle mittlerweile entkommen, weil ich wie ein Hamster (oder ein Trüffelschwein) qualitativ hochwertige Lebensmitteln aus allen Ecken des Landes (und manchmal darüber hinaus) heranschaffe. Abschließend zelebriere ich den Genuss beim Essen und achte auf meine explodierenden Geschmacksnerven. Dazu habe ich vor einiger Zeit meine Gedanken dazu ausführlich niedergeschrieben.

Prioritäten lassen sich ändern

Also ja, es geht, dass mensch vom Shopping weg kommt und die Prioritäten verschiebt. Ich war früher ebenfalls regelmäßig in Shoppinglaune. Schuhkäufe haben mich während meinem Studium regelmäßig begleitet. Nach einer schweren Prüfung gab es eine Belohnung durch ein neues Paar Schuhe. Bis ich akzeptiert habe, dass mit meinen Frodo-Tretern 80% der Schuhkäufe Fehlkäufe waren. Und was habe ich gerne Schnäppchen gejagt. Ein Shirt um € 3,00 (heute keine Besonderheit mehr, damals aber schon) hat mich regelrecht in die Luft springen lassen.

Jetzt habe meine Prioritäten geändert. Ganz langsam unbewusst, ganz bewusst und etwas schneller vor ca. 5 Jahren. Nun stehe ich einmal im Jahr als Begleitung in einem Bekleidungsgeschäft und alle Teile lassen mich kalt. Ich probier nicht mal mehr etwas im Vorbeigehen an. Mein Fashion-Detox war erfolgreich.

Genuss ist pure Lebensfreude

Die selben Glückgefühle, wie ich sie beim Schuhekaufen hatte, habe ich heute beim Beschaffen von Lebensmitteln. Denn es hört die Suche nie auf. Es gibt so viele tolle Lebensmittel und Produzent*innen. Erst neulich haben wir getrocknete Tomaten von einem sizilianischen Produzenten über unsere Food Cooperative bekommen. Sie sind nicht günstig, aber die bisher besten, die ich jemals gegessen habe. Jedes Mal, wenn ich ein Glas bekomme, öffne und dann genüsslich verzwicken darf, freu ich mich wie ein Honigkuchenpferd.

rita-bringts-am-vorgartenmarkt-fruehstueck

Ich schau mir die Produktion ganz genau an. Ich finde es toll, wenn Marmeladen aus gerettetem Obst, das sonst am Müll landen würde, erzeugt werden. Es ist großartig, dass es in Wien eine Schwammerlzucht auf Kaffeesud gibt. Der Kaffee der Caritas (übrigens mein Projektbaby) lässt die Herzen von Kaffeeliebhaber*innen höher schlagen. Ich liebe, liebe, liebe das Steinpilz-Pesto von Silvia und die selbst geknackten Walnüsse schmecken unvergleichbar mit jenen aus dem Supermarkt. Und eine gemeinsame Kartoffelernte beim Bauern bringt eine ganz andere Sichtweise auf die Mühen der Landwirtschaft und hat das Gemeinsame im Vordergrund. Ich freu mich wahnsinnig, wenn ich wieder ein neues Produkt entdeckt habe, das meine Geschmacksnerven jubeln lässt oder eine*n spannende/nProduzent*in mit einem noch spannenderen Konzept.

Was das kostet? Zeit und Geld

Das kostet alles Zeit und auch mehr Geld, weil hochwertige Produkte einfach teurer sind. Die Zeit habe ich, weil ich zu 98% nur shoppe, wenn ich wirklich etwas brauche und dann würde ich das nicht als klassisches Shopping bezeichnen. Einfach nur bummeln (was immer wieder zu Impulskäufen verleitet) geh ich seit Jahren gar nicht mehr. Das alles lässt sich auch auf das Onlineshopping umlegen. Uns wird zwar immer eingeredet, dass wir mit Onlinekäufen eine Menge Zeit sparen. Das glaub ich aber nicht, weil mensch ebenso Stunden in Onlineshops verbringen kann. Somit habe ich doch relativ viel Zeit für anderes (sicher auch bedingt, weil ich keine Kinder habe, das ist mir bewusst). Und die investiere ich in Lebensmittel. In deren Beschaffung und auch in die Eigenproduktion. Für mich das meine Belohnung.

fertiges Brot aus dem Gärkörbchen/Simperl

Und beim Geld ist es auch so: Ich gebe kaum Geld für Kleidung, Unterhaltungselektronik & Co. aus, sondern für qualitativ hochwertige Lebensmittel. Das hat Corona sehr gut gezeigt. Die Ausgaben für Lebensmittel blieben gleich. Ausgaben für „Freuden des Lebens“ brachen nicht weg, weil sie nie da war. Wodurch ich am meisten Geld eingespart habe, war durch die nicht möglichen Lokalbesuche. Weil ja, mit einer Freundin gut essen gehen und quatschen, das hab ich gern gemacht und es fehlte mir zum Schluss schon sehr.

Lebensmittel – teuer, preiswert oder lebensnotwendig?

Das mit dem teurer sein bei qualitativ hochwertigen Lebensmitteln stimmt. Das kann ich nicht abstreiten. Die Preise beim Diskonter sind nicht die selben wie bei dem/der kleinen Bio-Bäuer*in. Das ginge sich auch gar nicht aus. Ich denke oft grundsätzlich darüber nach, wie teuer ein Lebensmittel sein darf/soll/kann.

Mein persönliches Erlebnis hatte ich mit Marmelade. € 5,00 für 300 Gramm wirklich köstlicher Marmelade kam mir vor Jahren recht viel vor. Fast zu viel. Aber nur so lange, bis ich sie selbst machte. Die vielen Arbeitsschritte, die viele Zeit, die mensch von der Ernte, über´s Waschen, Schneiden, Einkochen und Abfüllen aufwenden muss ist nicht ohne. Meine Tätigkeit in einer Imkerei öffneten mir hier noch weiter die Augen. Einfach Wahnsinn, wie oft so ein Glas durch Hände geht, bis es wirklich im Regal zum Verkauf steht. Mit Masse kann ich natürlich die Produktionskosten senken. Aber oft büßt da auch die Qualität ein. Es ist zum Haareraufen!

Noch einmal zu den Prioritäten – Haushaltsausgaben 1950 vs. 2018

Was mich schon vor längerer Zeit gefesselt hat und seitdem nicht mehr los lässt, sind die Verschiebungen der Ausgaben für Lebensmittel seit den 1950-er Jahren. Ja, da ist eine lange Zeit dazwischen, essen ist aber noch immer unser substanzielles Grundbedürfnis. Also was ist da passiert?

Laut Österreich isst informiert ist der Anteil an Lebensmittelausgaben stark gesunken. 1950 haben die Österreicher*innen noch rund die Hälfte ihres Einkommens für Lebensmittel ausgegeben. Heute sind es durchschnittlich 12 Prozent. Das entspricht rund € 350,-/Monat bei einem Haushaltseinkommen von € 2.990,-/Monat. Das meint die Statistik Austria. Eurostat berechnet gar nur 9,7 % für Ausgaben für Ernährung.

Damit liegt die Ernährung nach Ausgaben für Wohnen & Energie und Verkehr an dritter Stelle, dicht gefolgt vom Feld Freizeit. (Quelle Statistik Austria – Konsumerhebung 2014/2015)

Der Konsum von Fleisch, Obst und Gemüse hat sich in den letzten 70 Jahren pro Person fast verdoppelt. Also auch hier eine starke Verschiebung der Essgewohnheiten. Und natürlich auch der Verfügbarkeit. In den 1950-ern kurz nach dem Krieg, waren zahlreiche Lebensmittel, die heute auf unserem Tisch landen, nicht verfügbar oder wahnsinnig teuer und somit etwas ganz Besonderes.

Über den Wert von Mitteln zum Leben

Das Besondere, an dem bleibe ich hängen. Früher waren Lebensmittel etwas Besonderes. Sie haben die Mägen gefüllt, den Hunger vertrieben. Aber welchen Wert haben sie heute für uns? Die ständige Verfügbarkeit von allem, Massenproduktion, kranke Massentierhaltung und stark verzerrende Subventionen für bestimmte Produktkategorien lassen das Besondere verschwinden. Wir müssen auf nichts warten, wir brauchen uns auf nichts freuen. Wir stopfen am Ende des Tages zwischendurch nur schnell etwas Essbares (egal, wie es schmeckt) rein, damit der Magen Ruhe gibt. Kein Wunder, dass das Besondere flöten gegangen ist und wir, um wieder auf den Anfang zurück zu kommen, unser Dopamin irgendwo anders herholen müssen. Und somit kaufen wir. Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen. Die uns nur scheinbar glücklich machen, weil wir den immer größeren Kick brauchen. Schon verzwickt das Ganze. Aber viele spielen das Spiel mit. Es ist Zeit für einen Entzug!

Kognitive Dissonanz und Ende im Gelände

Ja, heute ist ganz viel Zeigefinger in diesem Beitrag. Ich hab ihn gefühlt hundert Mal überarbeitet, Passagen gestrichen, umgeschrieben, wieder hinzu gefügt. Aber im Grunde müssen wir ehrlich sein: Wir reden es uns so ein, wie es für uns passt. Wir wissen eigentlich, was besser wäre, tun aber etwas ganz anderes und haben ein schlechtes Gewissen, das wir aber ganz schnell wieder weg drücken. Das nennt die Sozialpsychologie kongnitive Dissonanz. Und da steckt jede*r von uns drin. Ich genauso. Nunu Kaller beschäftigt sich in ihrem Buch „Kauf nix! Auf der Suche nach dem nachhaltigen Konsum“ ebenfalls mit der kognitiven Dissonanz.

Ich bin so glücklich über Nunu´s Buch (ja, auch das schüttet bei mir Dopamin aus), das mir die Augen geöffnet hat. Damit weiß ich, dass ich meine Dopaminausschüttung primär über die Lebensmittelbeschaffung bekomme.

Was ich mit dem Beitrag bezwecken möchte? Eventuell hast du Lust bekommen, diesen Weg einmal auszuprobieren. Kauf dir beim nächsten Mal anstelle eines T-Shirts, Eier-Mozzarella-Schneiders oder Videospiels richtig gute Lebensmittel (Spoiler: eher nicht im Supermarkt 😉 ). Setz dich daheim hin und genieße. Und dann wiederhole das ein paar Mal und achte auf deine Glücksgefühle. Dazu gehört natürlich auch, dass du dir zum Essen und Genießen Zeit nimmst. Auch das verlernen wir in der schnellen Zeit von heute immer mehr.

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