ich mach es anders

Nachhaltig reisen: Das nächste mal bleib ich daheim [Buchtipp]

Buchcover Das nächste Mal bleib ich daheim, Claudia Endrich

Im Sommer 2019 sitze im Zug nach Rumänien, um meine Freundin, die nach ihrer Weltreise wieder in Richtung Heimat unterwegs ist, zu besuchen. 9 Monate hatten wir uns nicht gesehen. Ich glaube, es waren 13 Stunden Fahrt mit dem Zug. Ohne Klimaanlage, ohne funktionierendem WC, ohne Display, der mir anzeigt, wo wir gerade sind. In Ungarn eine Stehzeit von 80 Minuten, danach geht es nur mehr im Stop-and-go-Modus weiter. Ich habe keine Ahnung, wann ich ankommen werde. Wäre jedoch alles wie geschmiert gelaufen, hätte ich die junge Frau aus Rumänien nicht kennengelernt. Ich hole gerade aus, um zum eigentlichen Thema zu kommen. Aber das muss sein.

Wenn Reisen etwas ganz Besonderes ist

Der ungarischen und rumänischen Sprache nicht mächtig, fragte ich beim Stopp in Ungarn bei meiner Sitznachbarin auf Englisch nach, ob sie wisse, was los ist und ob ich tatsächlich den Zug kurz verlassen könne. Wir kamen ins Plaudern und sie erzählte mir mit leuchtenden Augen, dass sie gerade in Wien war. Und in Linz und in Salzburg. Die erste Reise ihres Lebens. Das erste Mal außerhalb der Landesgrenzen. Und ich dachte mir: „Wow! Ich war 13 bei meinem ersten Flug.“ Sie erzählte mir, dass es mit dem Urlaub bekommen in Rumänien nicht so einfach ist. Mit dem Reisen sei es für viele noch viel schwieriger, weil oft kein Geld da ist. Sie hatte Arbeit und konnte es sich nun das erste Mal leisten. Morgen müsse sie wieder in der Arbeit sein und hoffe deshalb, dass wir nicht allzu viel Verspätung hatten. Noch war es Sonntag, aber bald war der Montag angebrochen. So rasch mal Zeitausgleich oder einen zusätzlichen Urlaubstag zu nehmen – nicht in allen Branchen bzw. Unternehmen in Österreich ist das möglich, aber ich kenne einige, wo das geht – war für sie nicht drin.

Reisen und Corona

Dass ich für diese Begegnung sehr dankbar bin, wurde mir in den letzten Monaten richtig klar. Im Sommer und auch noch jetzt, ist das Reisen während Corona DAS Thema. Menschen, die heimkommen, weil die Regierung die Reisewarnstufen erhöht und Maßnahmen verschärft hat. Daheimgebliebene, die es nicht einsehen, dass Rückkehrer*innen gratis auf Corona getestet werden. Menschen, die sich bewusst gegen einen Urlaub im Ausland entschieden haben und Menschen, die dem Meer nachtrauern, weil es heuer nicht greifbar ist. Ja, es ist gerade nicht lustig. Für niemandem. Umso mehr denke ich in den letzten Tagen an meine Begegnung mit der jungen Frau aus Rumänien. Im Gegensatz zu ihr bin ich maximal privilegiert. Ohne dafür etwas getan zu haben.

„Das nächste Mal bleib ich daheim“ von Claudia Endrich

Jetzt habe ich noch einmal ordentlich ausgeholt, um zum eigentlichen Thema zu kommen. Aber endlich hab ich eine Brücke gefunden, um das Buch, das ich schon seit Monaten vorstellen wollte, endlich vorzustellen. Ich war im Februar mit dem Lesen von „Das nächste mal bleib ich daheim. Umweltbewusstsein im Gepäck“ von Claudia Endrich fertig. Ich fand mich in dem Buch nicht wirklich wieder, weshalb ich etwas gezögert hatte, einen Blogbeitrag darüber zu verfassen. Denn ich muss dafür brennen, um einen guten Beitrag zusammen zu bringen. Einfach etwas zu schreiben, wovon ich nicht überzeugt bin, liegt mir nicht und kostet nur unnötig Zeit. Ich wollte noch etwas überlegen, wie ich die Sache angehe. Immerhin hatte mir der Verlag das Buch zur Verfügung gestellt.

Dann kam Corona und ich fand es unangebracht, gerade zu diesem Zeitpunkt über das Reisen zu schreiben. Der Beitrag wäre untergegangen und die Arbeit umsonst gewesen. Und deshalb bin ich jetzt ganz froh, dass sich die Brücke aufgetan hat. Gut, jetzt zum Buch.

Das nächste Mal bleib ich daheim, Claudia Endrich, Buchcover

Freizeit-Jetsetterin und Umweltschützerin

Claudia Endrich ist eine junge Frau, die das Reisen liebt. In ihren jungen Jahren hat sie bereits Vieles gesehen, ist meinem Eindruck nach eine Freizeit-Jetsetterin – also wann immer möglich, ist sie auf Reisen. Auch lässt sie Erasmus-Aufenthalte nicht aus. Das gehört immerhin heutzutage dazu wie das Amen im Gebet. [kleiner Sidestep: ich bin eine der wenigen Student*innen der Internationalen Entwicklung, die kein Auslandssemester gemacht hat. Ich war der Alien unter den Studis. Ab und an denke ich darüber nach, ob ich was versäumt habe, komme dann aber immer wieder zum Schluss, dass ich die Entscheidung, nicht bereue.]

Beim Lesen des Buches wird ganz deutlich – auch wenn es sichtbar ist, aber oft muss man es Schwarz auf Weiß haben, damit es einem bewusst wird – dass Reisen und Fliegen heutet selbstverständlich ist. Es wird gar nicht mehr hinterfragt. Die Einleitung des Buches ist maximal ehrlich. „Als Teil dieser gewissenlosen, elitären drei Prozent der Menschheit sitze ich jetzt also gerade in einem Flugzeug […]“ (S. 17), „Dabei gehöre ich selbst zur schlimmsten Sorte, wenn es um das ökologische Gewissen geht“ (S. 15), und so weiter. Es gibt einige Fakten, das Vorhaben und ganz prominent den eigenen inneren Widerspruch zwischen nachhaltigem Leben und Reiselust.

Für wen reise ich?

Spannend finde ich den Zugang von Endrich, dass sie hinterfragt, ob die Einheimischen es durch Tourist*innen tatsächlich so viel besser haben. Ob es nicht eher so ist, dass wir uns selbst bereichern, indem wir andere Kulturen kennen lernen möchten. Damit wir allen erzählen können, wo wir nicht schon überall waren und was wir nicht schon alles erlebt haben.
Sie greift dementsprechend nicht nur ökologische, sondern auch soziale, wirtschaftliche und das eigene Ego betreffende Aspekte des Reisen auf. Diesen Zugang fand ich extrem spannend.

Das Buch „Das nächste Mal bleib ich daheim“ wirkt auf mich ein bisschen wie eine Form der Selbsttherapie. Um seine ganzen Gedanken zu ordnen. Jede*r, der/die nachhaltig lebt, steckt jeden Tag in Dilemmata. Vegan ernähren und Fliegen ist eigentlich nicht kompatibel. Auf der einen Seite bin ich ein absolutes Vorbild, weil vegane Ernährung maximal die Umwelt schont. Und im gleichen Atemzug ist alles hinüber, weil ich im Jahr mindestens einen Langstrecken- und mehrere Kurzstreckenflüge unternehme. Der Zeigefinger all jener, die sich über Umweltschutz kaum bis keine Gedanken machen, ist da ganz, ganz schnell oben. Und selbst verzweifelt mensch beinahe, weil mensch ja eigentlich weiß, dass das Fliegen nicht gut ist und es trotzdem tut.

Gegen das eigene Bewusstsein handeln

Florian Kaiser, Sozialpsychologe an der Uni Magdeburg hat für dieses Verhalten eine Erklärung: Umweltschutz ist bei jedem Verhalten das Sekundäre.“ (Quelle) Im Vordergrund steht das eigene Wohlbefinden und dadurch eine gute Portion Egoismus. Zuerst müssen die eigenen Bedürfnisse gestillt sein, dann kommt erst das Sekundäre, wie z. B. der Umweltschutz. Das Absurde dabei ist jedoch, dass alle Grundbedürfnisse beim Großteil der in der nördlichen Hemisphäre lebenden Menschen mehr als erfüllt sind. Und es immer noch nicht genug ist. Für Menschen, die in Armut leben, stellt sich das ganz anders dar. Sie wissen oft nicht, ob sie heute oder morgen satt werden. Da ist ganz klar, dass Umweltschutz in der Prioritätenliste ganz unten steht. Und noch dazu leben Menschen in Armut am umweltschonendsten. Weil sie sich schlicht und einfach Vieles nicht leisten können.

Zeit für Veränderung

Wir reden uns also oft ein, dass wir die Umwelt schützen müssen. Dann kracht jedoch die Versuchung dazwischen und wir geben nach. Wir handeln nicht unserem Bewusstsein entsprechend. Kaiser hat zwei Punkte, die dabei unterstützen können, das zu verändern:

  1. Rahmenbedingungen verändern (Stichwort Billigflüge)
  2. Interinisische Motivation ändern (das Ziel, das ich mir selber setze)

Und er plädiert dafür, die Reflexion des Wohlstands schon im Kindesalter zu fördern. Es klingt einfach, ist es aber nicht. Menschen verändern ihr Verhalten nur ungern. Es ist mühsam und mensch stößt auch in seinem Umfeld auf Unverständnis und/oder Kritik. Aber es kann auch unglaublich spannend sein und ich denke, dass muss mensch in den Fokus nehmen. Dann ist ganz viel möglich.

Zum Abschluss: Reisen und Corona die Zweite

Und jetzt noch einmal abschließende Gedanken zur aktuellen Situation „Reisen während Corona“:
Wir haben seit März eine weltweite Pandemie. Die gesamte Welt ist maximal angespannt, es brodelt überall. Niemand weiß, wie sich das Virus genau verhält, wie es mutiert, welche bzw. ob gesundheitliche Langzeitschäden zu erwarten sind. Wir wissen wenig. Bis sich das verändert, entweder indem wir lernen mit dem Virus umzugehen und/oder durch einen Impfstoff, werden Regierungen oft Dinge entscheiden, die nicht nachvollziehbar oder vielleicht rückwirkend betrachtet falsch sind. Aber ich möchte auch nicht tauschen. Ich möchte nicht diesen Kampf gegen das Unbekannte an der Front führen müssen. Ich gehe davon aus, dass wir uns wieder maximal frei bewegen können, sobald die Lage unter Kontrolle ist. Aktuell bin ich geduldig. Es bringt mir nichts, mich permanent aufzuregen. Vielleicht ist es Gleichgültigkeit, aber ich weiß, dass ich aktuell sehr viel Energie für mich selbst brauche.

Mir persönlich fällt es nicht schwer zu sagen „Heuer bleib ich daheim.“ Ich sage dazu: „nächstes Jahr vermutlich auch noch“. Wenn ich darüber lese, wie furchtbar es ist, dass das Reisen durch Corona-Regelungen eingeschränkt werden, denke ich an meine Begegnung mit der jungen Frau aus Rumänien zurück. Mir wird klar, dass ich maximal privilegiert bin. Und wünsche mir, dass dieses Privileg auch anderen Menschen zuteil wird und dass jene, die auf ihr Privileg pochen, einen Schritt zurück treten und es aus einem anderen Blickwinkel betrachten.

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