ich mach es anders

Alles könnte anders sein [Buchtipp]

Alles könnte anders sein. Harald Welzer, Buchcover

Harald Welzer ist einer meiner liebsten Autoren und vor kurzem wurde sein Buch „Alles könnte anders sein – Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen“ publiziert. Er ist Soziologe und für mich ein wahnsinnig spannender Utopienforscher mit sehr klaren und verständlichen Worten. Mit FUTURZWEI hat er vor vielen Jahren eine Stiftung gegründet, die sich für das Projekt einer zukunftsfähigen, enkeltauglichen und offenen Gesellschaft einsetzt. Auf der Website findet sich unter anderem ein Zukunftsarchiv, eine Karte des Gelingens oder aktuelle Projekte. Seine Publikationen regen zum Selbst denken an, motivieren zur Eigenreflexion und es gibt zahlreiche Bausteine und Anregungen, wie eine bessere Gesellschaft aussehen könnte und wie die Menschheit dort hin kommen könnte. In den letzten Tagen habe ich „Alles könnte anders sein – Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen“ (übrigens selbst gekauft) verschlungen.

Die traurige Geschichte des Legos und was sie mit unserer Gesellschaft zu tun hat

Nicht nur einmal saß ich nickend mit dem Buch in der Hand in der Straßenbahn oder auf der Couch. Schon bei den einleitenden Worten über Lego – wie sich die Art des Legobauens in den letzten Jahrzehnten verändert hat – haben mich gefesselt. Früher wurde maximal die Kreativität angeregt. Mensch baute aus vielen verschiedenen Steinen unterschiedlichste Dinge. Mensch erschuf etwas. Seit vielen Jahren gibt es die Baukästen, die eine Anzahl X an Steinen in bestimmten Farben enthalten und mit denen maximal zwei unterschiedliche Fahrzeuge, Figuren, Burgen what ever gebaut werden können. Das selbst Erschaffen und selber Tüfteln wurde dadurch genommen. Diese Teile zieren dann die Vitrinen im Kinderzimmer und werden keinem weiteren Zweck zugeführt.

Schaut mensch sich die gesellschaftliche Entwicklung genau an – und Welzer gibt dafür wunderbare Beispiele – verschwindet das selbst denken und selbst Erschaffen und Schaffen zusehends. Das Legobeispiel ist gerade deshalb so treffend und fesselnd, da jede*r Lego kennt und damit gespielt hat.

Lego für eine bessere Welt

Das Lego zieht sich durch das Buch. Welzer ist damit mein persönlicher Held. Er dreht die Tristesse der Legosteine, die ihnen widerfahren ist, nämlich um und führt sie damit wieder dem eigentlichen Zweck zu.

Mit verschiedenen Legobausteinen gibt Welzer in der aktuellen Publikation jene Grundlagen in die Hand, um wieder selber etwas zu bauen. Für eine bessere Welt braucht es Solidarität, Gemeinwohl, Gerechtigkeit, Zeit, Infrastrukturen etc. Er geht darauf ein, was falsch läuft, plädiert jedoch dafür, sich nicht darauf zu konzentrieren („Ich kann ja eh nix ändern“). Er ruft dazu auf, den Fokus darauf zu legen, was aktiv verändert werden kann. Sei der Rahmen noch so eng und das Umfeld noch so klein. Das hat bei mir natürlich ganz starkes Nicken verursacht. Der Fokus auf das Positive, Veränderbare ist immer der beste.

Utopie – Heterotopie – Veränderung – gutes Leben

Zwischendurch wird es in „Alles könnte besser sein“ auch recht technisch. Vor allem der Teil der Herotopie lässt vermuten, dass es jetzt zach wird. Welzer gibt jedoch immer wieder tolle Beispiele, dass mensch sogar sperrige Theorien gut einordnen und verstehen kann. Das Konzept der Heterotopie führt laut Welzer zu einer modularen Revolution. Kurz erklärt: in verschiedenen Regionen werden Utopien bereits gelebt. Diese werden von anderen Regionen übernommen und um die eigene gelebte Utopie ergänzt. Diese entstandene Heterotopie wird von einer weiteren Kommune übernommen und so weiter und so weiter. Und am Ende ist das normal, was zuvor oft für Kopfschütteln gesorgt hat. Die Message: Wir können uns selbst unsere Realität schaffen und bestimmen, was normal ist. Wenn wir dafür in die Gänge kommen und nicht nur darüber reden.

Buchcover Alles könnte anders sein von Harald Welzer
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Die Macht der Digitalisierung

Ich mag es, wie schonungslos Welzer seinen Leser*innen den Spiegel vor das Gesicht hält. Und auch mich hat er natürlich ertappt. Ein Thema brennt mir noch immer unter den Nägeln – das Thema Digitalisierung. Sie begleitet und schon seit vielen Jahren. Welzer sagt – und wir wissen das auch alle: Technologien können sehr nützlich sein, es kommt jedoch darauf an, was der Mensch daraus bzw. damit macht. Die Dosis macht das Gift – wir kennen es alle.

Corona hat in vielen Bereichen einen wahnsinnigen Digitalisierungsschub mit sich gebracht. Onlineshops und Homeoffice haben vielen Firmen den Hintern gerettet. Zeitgleich verbringt seit Corona jede*r Österreicher*in im Schnitt zwei Stunden länger im Internet, als davor. Und das vermutlich nicht nur, um Lebensmittel zu bestellen.

Das Soziale geht verloren

Der Mensch ist an sich ein soziales Wesen und braucht die Gemeinschaft. Corona hat uns jedoch noch mehr zum/zur Einzelkämpfer*in gemacht, als wir es schon sind und die digitale Kommunikation miteinander verstärkt. Soziale Kontakte wurden eingeschränkt, viele Treffen waren wochenlang nur per Videokonferenzen möglich. Und das ist ein Problem.

Digitale Kommunikation lässt uns nämlich vereinsamen, ohne dass wir es mitbekommen. Denn wir kommunizieren ja eh. Aber eigentlich beschäftigen wir und mit Dingen, die uns vom Wesentlichen ablenken. Wir starren jederzeit in unsere Handy‘s, weil wir es mittlerweile nicht mehr ertragen können, dass sich Langeweile einschleicht. Doch gerade die bringt uns zum Träumen. Wir sind am Nachrichtentippen – oft stundenlang – zu einem Thema, das sich in 5 Minuten hätte am Telefon klären lassen.

Diese Zeilen sind so stark bei mir hängen geblieben, weil ich mich einerseits dabei ertappt habe, dass ich auch der Langeweile ausweiche. Und andererseits, weil ich immer wieder unsicher bin, ob ich nicht schnell anrufen soll anstatt weiter am Handy zu tippen, um etwas zu vereinbaren.

So absurd es klingt – seit April habe ich das Gefühl, dass ich mich immer mehr aus den sozialen Medien nehme und meine E-Mails und What´s App-Nachrichten vernachlässige und hatte immer ein ungutes Gefühl dabei. Ich könnte ja was versäumen oder jemanden verärgern, wenn ich nicht innerhalb von ein paar Stunden antworten würde… Dabei ist daran gar nichts schlecht. Das wurde mir erst jetzt bewusst. Ich brauchte es schwarz auf weiß, damit ich mich gestärkt fühle.

Ich konnte nun endlich auch meine Unsicherheit bzgl. meinem kritischen Hinterfragen von digitalen Entwicklungen ablegen. Es ist gut, skeptisch zu sein und nicht immer alles mit offenen Armen zu empfangen. Denn es ist das Wesentliche, das wir brauchen; es sind die Träume, die uns voran treiben. Und darauf möchte ich wieder vermehrt den Fokus legen.

So viel zu einem meiner neuen Lieblingsbücher – „Alles könnte anders sein“ von Harald Welzer. „Die Welt ist zum Verändern da, nicht zum Ertragen.“ ist ein schönes Abschlusszitat. Ich habe es gerade erst am hinteren Buchcover entdeckt.

   

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