ich mach es anders

Nachhaltigkeit am Stammtisch – Argumentationshilfe gegen Kritiken [Teil 2]

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Noch im alten Jahr habe ich die Serie gegen Kritiken in Bezug auf ein nachhaltiges Leben gestartet. Wer Teil 1 gelesen hat, hat vielleicht bemerkt, dass ich bestrebt bin, möglichst ohne erhobenen Zeigefinger (immer so ganz ohne schaff ich es auch nicht) mein Gegenüber zum Nachdenken zu bringen. Ich merke es meist an der Mimik, wenn sich bei meinem Gegenüber etwas bewegt. Das es im Kopf rattert. Und weil ich in letzter Zeit eine Menge Kritiken gesammelt habe, habe ich heute weitere 6 Punkte, über die ich mit Menschen oft diskutiere. Here we go!

6. Ohne Auto ist es bei uns unmöglich von A nach B zu kommen.

Ja, das verstehe ich. Ich komme selber auch vom Land und weiß, wie schwer es ist, ohne Auto und öffentlichen Verkehr wo hin zu kommen. Deshalb ist mein Ansatz, dass man Verkehr ganz neu denken muss. Weg vom Individualverkehr und hin zu mehr Öffis (flächendeckend) und Sharingmodellen (auch mit den Nachbarn). Wir müssen uns von der Heiligen Kuh Auto – dem Statussymbol schlechthin – lösen. Verkehr neu zu denken heißt nicht, dass niemand mehr ein Auto besitzen wird. Niemand spricht dir damit dein Auto ab. Es wird nur andere/weitere Möglichkeiten geben, sich fortzubewegen. Radikale Veränderungen müssen angedacht werden. Es muss ihnen eine Chance gegeben werden. Denn nur dann kann etwas Neues entstehen.

Anmerkung

Bei diesem Thema wirst du vermutlich die meisten Kritiken abbekommen. Denn auf das Auto verzichtet keiner gern, der es gewohnt ist. Ich erzähle dann immer meine persönliche Geschichte: Seit meinem Studium pendle ich öffentlich in die Steiermark. Dort muss ich einen Transport vom Bahnhof nach Hause organisieren (was viele schon extremst mühsam empfinden). Zu Hause borge ich mir von jemanden im Familienkreis ein Auto aus (es sind genug da), wenn ich wo hin muss. Oder ich vereinbare Treffpunkte, die mir erlauben, ohne Auto dort hinzukommen. Oder mich nimmt eine Freundin zu einer gemeinsamen Freundin mit. Und ich erzähle, dass ich kurze Strecken auch mit dem Fahrrad fahre oder zu Fuß gehe und damit gleich mein Fitnessprogramm erledige. Ich erzähle von Konzepten aus dem Westen Österreichs (Tirol und Vorarlberg sind schon ganz anders aufgestellt als die Steiermark oder gar das Burgenland) und fordere ein, dass die Politik hier reagieren muss.

Ein großer Kritikpunkt in diesem Bereich ist auch die Flexibilität. Mensch möchte sich nicht nach Abfahrtszeiten richten müssen. Ich erzähle dann immer davon, wie entschleunigend und entspannend ich es finde, wenn ich mit den Öffis zwischen der Steiermark und Wien fahre. Dass ich mir Zeit für mich nehme. Und dass die fixen Abfahrtszeiten von Bahn und Bus irgendwann in den Alltag integriert sind.

Kurzum: Bei diesem Thema braucht es deine eigene Geschichte!

7. Nachhaltigkeit ist so mühsam.

Ja, das streite ich nicht ab. Ich beschäftige mich seit über 10 Jahren damit und bin noch immer nicht fertig. Wichtig ist zu verstehen, dass wir alle Dinge und Verhaltensweisen, Ernährungsgewohnheiten und Konsumverhalten gelernt haben. Wir wurden sozialisiert. Ich habe mir vorgenommen, dass ich bestimmte erlernte Muster umlernen möchte. Das habe ich getan und nun ist das Einkaufen im Bioladen oder über eine Food Cooperative nicht mehr mühsam, sondern in meinen Alltag integriert. Kosmetikprodukte oder Pflanzenmilch selbst zu machen, sind neue Hobbys von mir. Und ein Tipp: sehe es als Herausforderung, nimm dir aber auch nicht zu viel auf einmal vor. Dann bleibt es spannend und bewältigbar.

8. Wenn ich keine Billigkleidung mehr kaufen würde, dann hätten die Leute dort ja gar keine Arbeit mehr. Da ist es ja besser, wenn ich was kaufe.

Ich bin die Letzte, die Menschen ihren Arbeitsplatz madig machen möchte. ABER: kein Mensch soll unter Bedingungen wie sie im Fast Fashion-Sektor vorzufinden sind und für einen Lohn der nicht einmal zum Leben reicht arbeiten müssen. Es ist ein Armutszeugnis für die Weltgesellschaft, dass so etwas überhaupt möglich ist. Das aktuelle System ist krank. Verändern kann ich es mit meiner Kaufentscheidung (die auch ein „ich kaufe nicht“ beinhalten kann). Je mehr fair gehandelte und Bio zertifizierte Kleidung – bzw. Kleidung aus alternativen Materialien wie Hanf oder Bambusviskose – ich kaufe, umso eher wird der Handel reagieren. Ich kann mit mir nicht vereinbaren, dass ich auf Kosten anderer konsumiere. Und zugegeben, bei Smartphone & Co. ist es verdammt schwer bis fast unmöglich. Bei Bekleidung ist es einfacher. Und da braucht es ein verändertes Konsumverhalten. Ich stelle mir selbst immer wieder die Frage, ob ich unter diesen Bedingungen arbeiten wollen würde. Und meine Antwort ist natürlich jedes Mal nein. Warum sollte es also jemand anderer tun müssen?

9. Ich als Einzelne/r kann ja eh nichts verändern. Es muss die Industrie und die Politik was tun.

Ich bin es leid, dass herumgestritten wird, wer die Verantwortung hat. Denn damit werden wir uns niemals vorwärts bewegen. Wichtig ist, etwas zu tun. Jeder einzelne. Denn gemeinsam sind wir Viele! Und mit jeder Kaufentscheidung gebe wir eine Stimme ab. Die Industrie reagiert, wenn der Druck groß genug ist (Stichwort Mikroplastik). Und auch die Politik wird in die Gänge kommen, wenn die Zivilgesellschaft ihre Stimme laut genug erhebt.

10. Nachhaltigkeit ist ja nur ein Schlagwort und kann man nicht ernst nehmen.

Es stimmt leider, dass Nachhaltigkeit zu einem leeren Schlagwort verkommen ist und gerne u. a. von Unternehmen für mehr Profit, von Influencern für mehr Klicks und Likes etc. verwendet wird. Als Konsumentin schaue ich deshalb mindestens 2 Mal hin. Das ist mühsam, aber notwendig. Denn ich möchte mich nicht verarschen lassen. Ich nehme Nachhaltigkeit nämlich ernst. Möglichst in ihrer ursprünglichsten Form. Mit dem Hintergrund, dass ich selbst entscheiden kann, ob ich Teil des Problems oder Teil der Lösung sein möchte. Ich entscheide mich, Teil der Lösung zu sein. Und deshalb mach ich mir die Mühe und schaue mindestens 2 Mal hin. Denn das braucht es, seit uns Werbung und Industrie so stark im Griff hat.

11. Man kann ja gar nicht total nachhaltig leben.

Ja, das stimmt. Ich müsste mir im Wald ein Baumhaus aufstellen und mein Essen sammeln und/oder jagen. Ich hätte keinen Strom, kein fließend Wasser, keinen Laptop, kein Smartphone und vermutlich keine Kleidung, denn nähen kann ich nicht. Das ist utopisch.
Dazu kommt, dass ich nicht alleine lebe. Ich habe meinen Partner, meine Familie und meine FreundInnen. Da ich am sozialen Leben teilnehmen möchte, muss und möchte ich Kompromisse schließen. Jeden Tag.
Dennoch hab ich die Wahl, nach meinen Verhältnissen und Möglichkeiten möglichst nachhaltig zu leben. Und ich habe mich dafür entschieden. Kein/e Meister/in ist noch vom Himmel gefallen. Wir sind alles Menschen. Mit unseren Stärken und Schwächen. Fehler sind erlaubt und niemand ist perfekt. Aber wir haben die Wahl, das Beste draus zu machen.

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