ich mach es anders

Nachhaltigkeit am Stammtisch – Argumentationshilfe gegen Kritiken [Teil 1]

Schotterweg. Links und rechts Bäume und Wiesen.

Kürzlich war ich auf dem Podium zum Thema Klimaschutz geladen. Es war eine großartige Veranstaltung und für mich eine Premiere. Beim gemütlichen Zusammensein danach bekam ich mir bereits sehr bekannte Kritiken zu hören, warum ein nachhaltiges Leben mühsam und (fast) nicht möglich sei. Meine Gegenargumente wurde jedoch so gut angenommen, dass ich mir gedacht habe, ich schreibe hier einen Argumentationsleitfaden zusammen, falls auch du dir fortwährend den Mund fusselig redest, dir aber ab und an die Argumente fehlen. Also legen wir mit den ersten 5 von 11 Punkten los.

v.l.n.r.: Michael Haspl (Biobauer), Sabrina Haupt (Nachhaltigkeitsbloggerin), Dr. Alfred Posch (Karl-Franzens-Universität Graz), Dr. Alexander Podesser (ZAMG, Sonja Romirer Maierhofer (Bildungshaus Stift Vorau)). Eine Diskussion im Rahmen der Vorauer Klimaschutztage über die Klimakrise und wie jedeR Einzelne nachhaltiger leben kann.
v.l.n.r.: Michael Haspl (Biobauer), Mag. Sabrina Haupt, BA (Nachhaltigkeitsbloggerin), Dr. Alfred Posch (Karl-Franzens-Universität Graz), Dr. Alexander Podesser (ZAMG), Mag. Sonja Romirer Maierhofer (Bildungshaus Stift Vorau)

1. Nicht alle können sich ein nachhaltiges Leben leisten.

Ja, das stimmt natürlich. Sich so intensiv mit Nachhaltigkeit auseinander zu setzen und nachhaltige Produkte zu kaufen, ist ein Luxusproblem. Es ist ein Privileg. Wir müssen nicht um unser Überleben kämpfen so wie viele andere Menschen auf dieser Welt. Weil wir am richtigen Ort geboren wurden.

Es ist bewiesen, dass Menschen mit geringerem Einkommen automatisch wesentlich nachhaltiger leben bzw. einen geringeren ökologischen Fußabdruck haben. Dadurch, dass sie über weniger Einkommen verfügen, konsumieren sie in Summe weniger. Daher sehe ich es als Auftrag und Pflicht all jener, die mehr haben, als sie benötigen, den eigenen Konsum zu überdenken und etwas zu verändern. Für mich selbst tauche ich immer wieder sehr gerne in die Theorie der Postwachstumsökonomie von Niko Paech ein. Sein Ansatz ist radikal und notwendig, wenn wir etwas verändern möchten. Teilweise fühle ich mich ohnmächtig, wenn ich seine Zeilen lese. Jedoch motivieren sie mich, zumindest ansatzweise zu versuchen, Dinge umzusetzen und mein Handeln und seine Auswirkungen auf andere ständig zu reflektieren.

Bei diesem Argument handelt es sich um eine der Paradekritiken. Wenn es um´s Geld geht ist Schluss mit lustig. Deshalb ist es auch ziemlich heikel.

Kleine Randnotiz: Vor kurzem hat mir jemand gesagt: „Wäre Nachhaltigkeit ein Geschäft, dann wäre das Problem gelöst.“. Die Person hat damit sicher nicht unrecht. Ich aber möchte weinen. Muss es denn wirklich immer um´s Geld gehen? Muss immer Profit gemacht werden?

2. Nachhaltigkeit ist mir viel zu teuer.

Ja, Nachhaltigkeit ist oft als zu teuer empfunden. Aber wie viel ist einem eine intakte (Um)Welt wert? Wo liegen die eigenen Prioritäten? Ja, das ist ein unangenehmes Thema. Niemand möchte kürzer treten, möchte seinen Lebensstandard halten. Mensch ist nicht bereit, etwas aufzugeben bzw. anders zu machen. Weniger mit dem Auto zu fahren, sich ein Auto vielleicht sogar mit den NachbarInnen zu teilen, weniger zu besitzen, seltener oder weniger weit in den Urlaub zu fahren (oder sogar ganz darauf zu verzichten und es sich auf Balkonien gemütlich zu machen).

„Wer billig kauft, kauft oft teuer.“ ist ein bekannte Aussage. Es war (und manchmal ist es noch immer so) auch für mich nicht leicht, zu teureren aber dafür hochwertigen Produkten zu greifen. Oft muss ich lange für eine Anschaffung sparen. Trotzdem versuche ich, hochwertig zu kaufen und achte darauf, dass die Sachen reparierbar sind. Bei Lebensmitteln esse ich teurere Produkte (Stichwort 80 Gramm Schokolade um € 5,00) mit wesentlich mehr Genuss und mache mir bewusst, dass es ein Luxus- und kein Alltagsprodukt ist. Um einen Weg hinein zu finden, möchte ich an dieser Stelle das Buch „Ausgegeizt – Wertvoll ist besser. Das Manufactum-Prinzip“ von Uli Burchardt empfehlen. Das hat mir enorm geholfen und war eines der ersten Bücher zum Thema Nachhaltigkeit, das ich gelesen habe.

Vor allem, wenn mensch den Punkt erreicht hat, darüber nachzudenken, ob etwas wirklich gebraucht wird, ist ein nachhaltiges Leben in Summe günstiger. Denn dann bleiben die Impulskäufe aus, mensch gibt weniger Geld für Dinge aus, die mensch ohnehin nicht braucht und kann dafür z. B. mehr Geld in hochwertige Lebensmittel investieren.

Und last but not least: Sollten wir unser Denken nicht verändern? Sollten wir nicht beginnen darüber nachzudenken, ob Lebensmittel aus Diskontern nicht zu billig sind? Sollten wir nicht darüber nachdenken, was ein bedingungsloses Grundeinkommen ermöglichen würde? Nämlich auch darüber, inwiefern es eventuell unser Kaufverhalten verändern könnte?

3. Bio ist ein Blödsinn. Damit wird nur Schindluder betrieben.

Natürlich gibt es auch im Bio-Bereich, wie überall anders auch, schwarze Schafe. Dennoch ist Bio weit mehr, als nur Spritzmittel. Es geht um Humusaufbau, Bodenfruchtbarkeit durch Fruchtfolge, Saatgut, Erhalt der Sortenvielfalt etc. Wichtig ist, möglichst den direkten Kontakt mit den ProduzentInnen aufzubauen. Damit erfährst du, wie er/sie produziert und bekommst ein besseres Gespür für den Preis bzw. Wert der Lebensmittel. Dann ist auch kein Biosiegel notwendig.

Im Supermarkt ist für mich das Biosiegel kaufentscheidend. Es hilft mir im Überfluss an Angebot eine Entscheidung zu treffen. Grundsätzlich habe ich als Konsumentin ein starkes Vertrauen in die ProduzentInnen. Ich hab auch gar keine andere Wahl. Außer ich produziere selbst. Diese Portion an Grundvertrauen hilft mir. Sicher werde ich manchmal auch enttäuscht, aber im Großen und Ganzen baue ich darauf, dass ich nicht permanent verarscht werde. Und hier hilft mir wieder der direkte Kontakt zu den ProduzentInnen. Denn nur die wenigsten lügen dir stichgerade ins Gesicht.

4. Ein nachhaltiges Leben ist ja voll fad. Da muss man auf so viel verzichten.

Ich sehe mein nachhaltiges Leben als Bereicherung. Ich habe viele interessante Dinge entdeckt, mein Verhalten verändert und habe überhaupt nicht das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen. Jede Entscheidung etwas zu tun oder nicht zu tun, ist eine bewusste Entscheidung von mir. Und kein erzwungene Verzicht. Es ist also die Art der Betrachtungsweise und der eigenen Interpretation, ob etwas als Verzicht oder Bereicherung gesehen wird.

5. Nachhaltigkeit ist so umfassend. Da freut es mich gar nicht darüber nachzudenken oder etwas zu tun.

Ja, Nachhaltigkeit ist ein unglaublich breites Feld. Und ja, es birgt die Gefahr, sich in etwas hineinzurennen. Deshalb ist mein Tipp, sich einen Bereich herauszunehmen, indem man das Gefühl hat, leicht etwas verändern zu können. Mache eine Schublade auf und wenn du damit fertig bist die nächste. Alles andere wird dann von allein kommen.

Das waren nun die ersten 5 Kritiken bzw. Argumente, die ich immer wieder zu hören bekomme. Welche Kritiken hörst oder bringst du? Lass es mich wissen. Die Liste ist erweiterbar. Teil 2 folgt in Kürze.

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