ich mach es anders

„Wer gebraucht kauft, kann sich nichts leisten.“

Second Hand Pullover_Titel 925px

Second Hand war für mich viele Jahre lang ein No Go. Ich habe in meiner Kindheit u.a. Kleidung aus 2. Hand getragen. Und ja, es war oft ein Geldthema. 3 Kinder, der Vater zeitweise Alleinverdiener. Ich habe mich immer bei meinen neuen-alten Sachen gefreut. Ganz gut erinnere ich mich noch an meinen ersten Schulrucksack. Der war gebraucht. Und ich war soooo stolz. Endlich hatte ich auch einen. Als jedoch meine SchulkollegInnen herausfanden, dass der Rucksack gebraucht und noch dazu vom örtlichen Altstoffsammelzentrum „gerettet“ wurde, war die Hölle – oder besser gesagt das Hänseln – los.

„Wer gebraucht kauft, kann sich nichts leisten.“ Damit bin ich also groß geworden. Vielleicht sind es meine Kindheitserfahrungen mit dem Thema, dass ich jetzt erst – mit 32 Jahren – so richtig Feuer für Second Hand gefangen habe.

Es geht nicht ums Leisten können, es geht um Ressourcen

Heute weiß ich es besser. Ja, es sind meine Erfahrungen, die mich denken ließen, dass ich niemals nicht gebrauchte Schuhe tragen könnte. Ich habe mir vorgestellt, dass Kleidung bereits verschlissen ist, Löcher hat, wenn sie gebraucht gekauft wird. Elektrogeräte sind hin oder kurz davor, kaputt zu werden und gebrauchtes Geschirr ist sowieso grauslich. Das waren viele Jahre lang meine Gedanken bei Second Hand.

Und jetzt stelle ich fest, dass wir in so einer – verzeiht die Wortwahl – abartigen Überflussgesellschaft mit derartig vielen Fehlkäufen leben, dass mensch sich vermutlich 5 Mal neu mit Gebrauchtware einkleiden könnte. Auch Smartphones, Küchengeräte, Outdoorprodukte, Möbel oder (ungetragene!) Schuhe gibt es ebenfalls wie Sand am Meer. Es gibt nichts, das es nicht gebraucht und in einwandfreiem Zustand gibt. Ok, ganz selten suche ich etwas, das ich nicht wirklich auf Second-Hand-Plattformen finde. Aber dann stell ich mir die Frage, ob ich das Zeugs wirklich unbedingt brauche, bevor ich weiter suche.

Es ist also unglaublich, welche Massen an Ressourcen im Umlauf sind und potenziell Gefahr laufen, viel zu schnell auf dem Müll zu landen. Ist ja alles heutzutage nichts mehr wert und sofort ersetzbar. Und sowieso – es ist immer alles überall verfügbar. Und natürlich billig. Mensch bedenke: allein in Deutschland oder Österreich werden im Durchschnitt 60 Kleidungsstücke und mehrere Paar Schuhe pro Person und Jahr kauft (Quelle). Oder wie oft kaufst du dir ein neues Smartphone? Alle 2 Jahre? Dann liegst du damit gut im Schnitt.

Wir lassen uns von der Industrie verarschen!

Und das alles tun wir, da wir von der Industrie fremdgesteuert sind. Nicht wir selbst, sondern die Industrie und Lobby weiß, was wir brauchen. Das schnellere Smartphone, das noch bequemere Sofa (und noch dazu in der Trendfarbe 2019! Wir vergessen dabei nur, dass die Trendfarbe 2020 zu 1.000% eine ganz andere ist. Shit happens – konnte ja keiner wissen.), die Waschmaschine mit Extraschongang, den Fernseher mit noch höherer Auflösung, die Jeans mit 5 Löchern und 3 Fransen mehr (ist ja diesen Sommer ABSOLUT angesagt) und den City-SUV mit extra viel Stauraum sowieso. Und jetzt ein kleiner Gedankenanstoß: Was von den gerade aufgezählten Dingen brauchst du wirklich?

Mein neuestes Hobby seit längerer Zeit ist es, Werbungen mit einem kritischen Auge zu betrachten. Womit spielt sie? Wie versucht sie, unsere Gehirne zu manipulieren? Worauf springen die Menschen (also ich) an? -Wie wird das Produkt in Szene gesetzt? Wie viel Sex (dabei geht es mir primär um die Darstellung der Frau) ist dabei? Was ist gut gemacht (auch wenn ich es kaum aushalte, hinzusehen, weil es so nervt)? Dazu gibt´s bestimmt 1.000 Studien und trotzdem teste ich es an mir selbst. Das ist eine ziemlich spannende Reise muss ich sagen. Es hilft mir auch dabei, ganz bewusst an meiner Werberesistenz zu arbeiten.

Das alles – also das Ferngesteuertwerden durch die Industrie – ist jetzt nix Neues. Trotzdem muss es hier gesagt werden. Weil´s dazu gehört. Und meine Brücke schlägt zu…

Weg von alten Mustern!

Das sind alles Gründe, warum ich mir Second Hand leisten möchte. Ich möchte, nein ich muss, mein altes Muster hinter mir lassen. Ich probiere gerade vieles aus – gebrauchtes Zeug zu kaufen und/oder zu tauschen gehört dazu. Und es wird immer mehr. Weil ich sehr gute Erfahrungen damit mache.

Ich besitze mittlerweile 3 Paar gebrauchte Schuhe – alle in einem guten bis sehr guten Zustand. Meine gebrauchte Winterjacke und Weste liebe ich und gerade stelle ich meine T-Shirts um, da ich alles mind. eine Kleidergröße kleiner brauche. Meine gebrauchte Jean ist sehr herzeigbar, das gekaufte Second-Hand-Spielzeug und das Stofftier sind schwer in Ordnung und auf meinen neuen-alten Pyjama freu ich mich schon sehr. Auch unsere gebrauchte Waschmaschine läuft wie geschmiert. Nun ein paar Beispiele von gebrauchten Dingen, die ich in diesem Jahr gekauft habe. Schaut nicht übel aus, oder?

Es ist also Schluss mit „Wer gebraucht kauft kann sich nichts leisten.“ Es ist nämlich anders rum. Wer Second Hand kauft, trägt zur Schonung der Ressourcen bei. Das nachhaltigste Produkt ist jenes, das nicht gebraucht wird. Gleich danach kommt jenes, das bereits produziert wurde. Und wenn mensch sich dadurch den einen oder anderen Euro sparen kann bzw. Menschen mit weniger Einkommen die Chance haben, gut erhaltene Kleidung und Geräte zu erwerben, sollten sich alle freuen!

Was sind deine Kindheitserfahrungen mit Second Hand? War es immer schon „ganz normal“, dass deine Eltern für dich Second-Hand-Kleidung gekauft haben bzw. du von Cousin/e oder größerem Geschwisterchen die Kleidung nachgetragen hast? Oder galt auch „Wer gebraucht kauft, kann sich nichts leisten.“?

& KommentareHinterlasse einen Kommentar

  • Meine Eltern haben wohl aus dem besten Sinne heraus „für später“ gespart und mein Vater ist Alleinverdiener (meine Mutter hat nur phasenweise eine Arbeit gehabt).
    Als Kind hatte ich eher das Gefühl, wir sind arm. Habe auch einmal eine Zahl am Schalter gesehen und obwohl ich damals keine Ahnung (Volksschulkind) von Zahlen hatte, so bekam ich irgendwie mit, dass das nicht sonderlich viel ist…

    Hatten dann viel von meiner Cousine, ich war nicht happy darüber… und als eine Freundin meiner Mutter Unterhosen für mich mitgab, war es für mich AUS mit der Second Hand Idee. Zu viel Ekel. Und es wurde ja nicht einmal dafür bezahlt, und zahlen können war für mich der Inbegriff von „sich leisten können“, also umsonst bekommen hieß „noch schlimmer“.
    Jetzt mit 26 J. denke ich, ich hab sicher mehr Second Hand getragen als mir bewusst war. Aber die Gelegenheiten, wo ich es mitbekommen habe, haben mich geekelt.
    Dann trug ich gerne Hosen von meinem Bruder (finde Männerhosen allgemein besser vernäht, besseres Material und tiefere Taschen) und einen grooooßen aussortierten Pulli.

    2013 gab es eine mega große Kleidertauschparty in Innsbruck und seitdem war ich angefixt. habe mich dann auch im Kostnixladen engagiert.

    Familiär ist es eigentlich gleich geblieben. wenn etwas Neues angeschafft wurde/wird, dann immer zum kleinstmöglichsten Preis. Aber davor wurde/wird versucht, das gesuchte Ding gratis oder sonst wie zu bekommen.
    Und da ich da auch Geiz unterstelle und keine Ökobewusstheit, finde ich es ziemlich scheiße.

    Deshalb bin ich auch froh, dass ich eine gesunde Balance gefunden habe zwischen Neukauf, sich mal was gönnen und doch eine vernünftige Sicht auf Dinge und mich vor viel gar nicht mehr ekle. Gehe auch gern bei Sperrmüll gucken, tausche und nehme, verschenke usw.
    Bademode, Unterwäsche (auch Socken) würde ich nie vom Second Hand (oder ausm Kostnix) tragen. No way. Da muss ich die Person a. kennen b.vertrauen, dass die Ware in Ordnung ist. und im besten Fall auch ungebraucht. Und vorm richtigen Tragen wird es sowieso gewaschen.
    Schuhe habe ich selber genug und bei Taschen bin ich vom Second Hand oder Kostnix sehr kritisch und genau, habe allerdings auch schon zwei sehr sehr gut erhaltene, nicht müffelige, mittlerweile Lieblingstaschen davon.
    LG kolrabi

  • Bei uns war es normal, dass die Sachen innerhalb der Familie weiter gegeben wurden und es war auch nichts, was besonders hervor gehoben wurde, wenn es etwas neues gab. Neu war eher so: haben wir nicht anders bekommen, MÜSSEN wir neu kaufen. Es wurde auch viel geliehen oder gemeinschaftlich z.B. im Schrebergarten, angeschafft. Von daher ist es für mich sehr leicht, Dinge gebraucht zu nutzen und ich freu mich über jeden Fund wie ein Schneekönig. Bei uns gibt es jetzt im Stadtteil einen Laden, in dem Dinge aus Haushaltsauflösungen verkauft werden, das ist ein richtiger Schatz…..

    • Hi Uta!
      Sich freuen, wie ein Schneekönig ist wirklich schön. Für much ist es mittlerweile auch so, dass es fast eine Schatzsuche ist. Und dann freu ich mich doppelt und dreifach, wenn ich etwas Tolles gefunden habe, was bereits gebraucht ist.

      Wir haben in Wien einen Leihladen. Diese Idee find ich auch großartig! Vor allem für Dinge, die man nicht ständig braucht.

      Ich wünsch dir weiterhin viel Freude beim Freuen!

      LG Sabrina

      • Danke 🙂 Vieles ist bestimmt von der Art und Weise abhängig, wie man es vermittelt bekommt. Das macht bestimmt viel bei der eigenen Umgangsweise aus. Da habe ich echt Glück gehabt

  • Ich bin Jahrgang 1975, für mich hat(te) 2nd hand auch immer den traurigen Beigeschmack von Armut. Mittlerweile kaufe ich aus Nachhaltigkeitsgründen immer wieder mal Kleidung für mich und meine Tochter im Second-Hand-Shop (oder tausche auf Tauschparties) und habe schon schöne Fünde gemacht, obwohl ich bei der Auswahl sehr kritisch bin. Kleine Flecken oder muffiger Geruch gehen gar nicht! Mir ist aber bewusst, dass das ein Privileg ist und ich bin froh, nicht ALLES aus Second-Hand-Läden beziehen zu müssen! Bei Schuhen z.B möchte ich nichts bereits Getragenes… lg aus Linz, Sandra

    • Hi Sandra,

      kleiner Tipp bei Schuhen: auf Onlineplattformen kann man nach „neu“ filtern. Es ist unglaublich, wie viele Fehlkäufe und es daher neuwertige Schuhe es gibt. Ausgelatschte Treter kommen für mich auch nicht in Frage.

      LG Sabrina

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