ich mach es anders

Über das Absprechen von Glaubwürdigkeit

Schotterweg. Links und rechts Bäume und Wiesen.

„Man sollte allen Grünen verbieten mit Auto, Flugzeug oder Kreuzfahrtschiff in Urlaub zu fahren. Es geht um Glaubwürdigkeit.“ Diese stark verallgemeinernde und polemische Aussage habe ich kürzlich im facebook-Feed eines Bekannten entdeckt. Und in meinem Kopf begann es zu rattern. Durch ein Kommentar dazu hoffte ich auf eine Diskussion zu dem Thema. Die blieb jedoch aus. Deshalb möchte ich meine Gedanken hier hier am Blog zum Ausdruck bringen. Dazu gibt es ihn schließlich. Ich möchte die polemische Aussage jedoch nicht auf die genannte politische Partei fokussieren, sondern breiter (be)greifen.

Das Mensch sein absprechen

Wenn du diese Aussage weiter denkst, wo landest du dann? Bei mir war der erste Gedanke, dass damit „grün denkenden“ Menschen abgesprochen wird, Mensch zu sein. Menschen machen nämlich Fehler, verhalten sich den Umständen entsprechend (anders) und sind schon gar nicht perfekt. Ganz egal, welchen Bereich mensch sich anschaut.

Ich selbst sehe mich auch als grün denkenden Menschen und fühle mich durch diese verallgemeinernde Aussage angegriffen. Obwohl ich nicht bei den Grünen aktiv bin. Das muss Mensch auch nicht. In jeder Partei – und auch ganz ohne – gibt es Gruppierungen, die sich intensiver mit einem nachhaltigen Leben auseinandersetzen und es auch leben.

Als Nachhaltigkeitsbloggerin versuchen mich Menschen zum Perfektionismus zu drängen

Als (relativ kleine) Nachhaltigkeitsbloggerin werde ich mit Argusaugen beobachtet. Nicht so sehr, wie die großen und ganz bekannten, aber dennoch. Aber ich gebe ganz offen zu, dass ich nicht perfekt bin. Das will und kann ich gar nicht sein. Denn was ist schon perfekt? Ich bemühe mich, möglichst (und das heißt nach meinen Möglichkeiten) nachhaltig zu leben und diese Lebenseinstellung hier am Blog authentisch rüber zu bringen.

Authentizität ist mir wichtig – nicht Perfektionismus

Authentizität ist mir wichtig. Ich lebe Nachhaltigkeit. Und dennoch fahre ich gemeinsam mit Herrn von Anders einmal im Jahr mit dem Motorrad auf Urlaub. Und wir machen auch immer wieder am Wochenende einen Ausflug. Heuer werde ich Mai nach langer Zeit auch wieder einmal fliegen. Weil wir Kinder diese Reise unseren Eltern zum 120. Geburtstag geschenkt haben. Und weil es vermutlich die letzte Familienreise ohne Enkelkinder sein wird.

Ich lebe nicht allein, deshalb braucht es Kompromisse

Ich lebe nicht allein, also muss ich Kompromisse schließen. Ist es mit Herrn von Anders, mit der Familie oder mit FreundInnen.
Wie die ungefähr aussehen, habe ich hier zusammengefasst. Die oben zitierte polemische Aussage greift also viel zu kurz und bricht das komplexe Sozialgefüge, in dem sich der Mensch bewegt, absolut herunter.

Dummheit nicht mit Dummheit kontern

Der zweite Gedanke, der mir dazu kam: „Soll ich im Kommentar mit kontern: Die FPÖler müssen alle rechtsradikal sein. Weil es geht um Glaubwürdigkeit.“? Das ist genauso dumm und kurzsichtig, wie die zitierte Aussage zu den Grünen.

Soziale Medien verleiten oft zu Dummheiten und Kurzsichtigkeiten

Ich habe mir dann kurz die Kommentare des Originalposts angesehen. Natürlich absolutes Grünen-Bashing. Aber auch ein bisschen amüsant. Nämlich dieser hier: „Die Grünen die Verbotspartei…“. Mensch hat nicht bemerkt, dass mensch gerade selbst ein Verbot für jemanden diskutiert.

Der Beitrag wurde über 600 Mal geteilt. Erschreckend, wenn mensch überlegt, wie niedrig die Hemmschwelle in den sozialen Medien ist, auf Andersdenkende hinzudreschen. In seiner eigenen Blase versteht sich. Mit Gleichgesinnten ist es umso lustiger. Ich nehme davon Menschen in der grünen Blase übrigens nicht davon aus.

Ich selbst hatte eine Zeit lang super schnell den Zeigefinger oben. Vor allem in facebook-Gruppen, wo es um Nachhaltigkeit geht. Jemand stellte eine Frage oder fragte nach Tipps zum Thema xy. Die Person agierte in meinen Augen nicht nachhaltig genug. Und schon kam mein absolut besserwisserisches Kommentar. Damit habe ich aufgehört, als ich mich dabei ertappt habe. Denn es bringt keinen Nutzen für diejenige Person, die gefragt hat.

Ein kleiner Unterschied: Privatleben vs. Außenwirkung

Ich habe also gelernt, Privatpersonen, die sich für Nachhaltigkeit interessieren und ihr Bestes geben, um möglichst nachhaltig zu leben, nicht mit dem Zeigefinger zu begegnen. Sondern ich bemühe mich, sie abzuholen. Ihnen Tipps zu geben, wenn sie danach fragen. Aber nicht mehr ungefragt drauf los schreibe. Wo es mir schwerer fällt, ist bei NachhaltigkeitsbloggerInnen. Schon 2016 habe ich meine Gedanken dazu aufgeschrieben. Oder auch bei politischen Parteien, die sich dem Umweltthema verschrieben haben, wenn sie gar arg daneben greifen. Ein Beispiel: wenn als Wahl-Goody z. B. Zuckerl mit Palmöl verteilt werden.

Beide Gruppierungen wirken nach außen. Klar, sind sie auch nicht perfekt. Aber sie haben eine größere Außenwirkung als Privatpersonen oder einzelne Parteimitglieder (meist handelt es sich dabei um einen bunten Fleckerlteppich!). Und da habe ich – geb ich zu – meine Erwartungen. Ich reflektiere ständig, ob die zu hoch oder angemessen sind. Aber es geht mir nichts mehr gegen den Strich, als wenn Wasser gepredigt und nicht Wein, sondern Schnaps (!) getrunken wird.

Unsere Welt ist voller Grautöne – eigentlich ist sie bunt

Es wird, meinem Empfinden nach, immer wieder vergessen, dass es nicht nur Schwarz oder Weiß gibt, sondern eine Vielzahl an Grautönen. Würde ich sofort mit allen Menschen, die die FPÖ gut finden, den Kontakt abbrechen, dann würde ich einige FreundInnen und Bekannte verlieren. Und nein, das ist es nicht wert. Es soll ja Austausch zwischen verschieden denkenden Menschen passieren. Sonst schaffen wir innerhalb unserer Gesellschaft eine Spaltung (die hat leider schon längst begonnen), die uns allen nicht gut tun wird.

Herausforderungen gemeinsam meistern – nicht einsam

Wir stehen vor Herausforderungen, die wir gemeinsam meistern müssen. Wir müssen endlich aufhören, auf uns gegenseitig einzudreschen. Und ein bissl mehr unseren Grips benutzen. Denn nur so werden wir die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts schaffen und unsere Welt auch für weitere Generationen lebenswert machen können. Und nur so spielen wir der aktuellen Regierung in Österreich nicht in die Hände.

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