ich mach es anders

Wie entkomme ich der Konsumfalle Second Hand? [Blogreihe]

Second Hand Titelbild

Für Herrn von Anders war ich zu Weihnachten auf der Suche nach einem speziellen Weihnachtsgeschenk. Um es nicht neu kaufen zu müssen, habe ich eine der bekanntesten Onlineplattformen für Second Hand-Ware durchforstet und wurde fündig. Und ich kippte komplett hinein in die Konsumfalle. Denn auch einen Teil seines Geburtstagsgeschenks habe ich dort erworben. Und dann noch Schuhe und eine Jacke für mich. Und das alles in nur 2 Monaten. Noch viel schlimmer: dabei blieb es nicht. Nach meinem erfolgreichen Konsumbuch im Jahr 2017 packt mich so richtig das schlechte Gewissen.

Aber was ist es? Warum kippt mensch so schnell in die Falle rein? Ich bin immer wieder mal in Second Hand Geschäften in Wien, um ein bisschen zu stöbern. Immer wieder finde ich dort günstige Vorratsgläser für unsere Küche. Es braucht nämlich einen Kompromiss zu den Einweggläsern, die sich mittlerweile in allen Größen, Formen und Farben über die Zeit angesammelt haben. Um unsere Küche etwas ruhiger bzw. „runder“ zu machen, haben Herr von Anders und ich diesen Kompromiss geschlossen. Ich halte also Ausschau nach schönen Gläsern. Und trotzdem beantwortet das natürlich meine Fragen nicht. Mir wird gerade klar, dass ich versuche auszuweichen. Also was ist es? Warum bin ich gerade so drauf und dran, massenhaft Second Hand zu kaufen und dem Konsum wieder so richtig zu verfallen?

Belohnung

Eigentlich ist es ganz banal. Ich belohne mich bei einem Kauf. Egal, ob es neue oder gebrauchte Ware ist. Ich kaufe nur mit einem Stückchen besserem Gewissen, weil ich die Dinge nicht neu kaufe. Die Käufe lassen mein Gehirn Glückshormone ausschütten und ich fühle mich kurze Zeit besser. Aber es ist auch ein Zeichen dafür, dass irgendetwas nicht stimmt. Brauche ich ständig neue Dinge, um glücklich zu sein? Ich meine nein. Glück findet mensch ganz wo anders. Mein Verhalten der letzten Wochen und Monate zeigt mir, dass ich irgendwo eine Baustelle habe, die ich fertig bearbeiten und zuschütten sollte. Dann muss ich mit Käufen nichts kompensieren.

Die Jagd nach dem besten Schnäppchen

Es ist pures Adrenalin – ok, eine kleine Dosis – wenn mensch sich auf den Plattformen bewegt und Unmengen an Produkten filtern kann. Und dann ein noch ein günstigeres Teil findet, das noch besser als das andere ausschaut. Schon während der Suche schüttet mensch vermutlich eine ganze Menge an Hormonen aus, die eine/n gaga im Hirn werden lassen.

Gea Waldviertler Second Hand
Waldviertler von GEA Second Hand, € 19,90

Unser Körper hat uns also fest im Griff. Die Glückshormone Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Endorphine, Oxytocin, Phenethylamin und wie sie alle heißen mögen, vernebeln unseren Verstand. Adrenalin gibt uns dann noch den letzten Kick. Sich darauf raus zu reden, dass wir rein evolutionär gesehen JägerInnen und SammlerInnen sind und uns deshalb nicht wehren können, lasse ich nicht gelten. Auch wenn es wirklich verdammt hart ist, dagegen zu steuern.

Wie dagegen vorgehen?

Von Herbst bis Jahresende 2018 hatte ich alle Bücher von Yuval Noah Harari durch. Die kurze Geschichte der Menschheit, Homo Deus und 21. Lektionen für das 21. Jahrhundert. Grandiose Büche! Sie haben mir sehr geholfen, viele Dinge besser zu verstehen. Er beschreibt und analysiert auch wunderbar die Religion des Konsumismus. Und in der befinden wir uns alle. Wir haben es nicht anders gelernt. Ich kämpfe seit Jahren dagegen an und werde immer noch schwach. Wie kann ich mich also dagegen schützen, zu viel unnützes Zeug (und das meiste ist unnütz, wenn mensch ehrlich zu sich selbst ist) zu kaufen?

Die Second Hand-App muss weg und ich muss wieder bewusster werden

Es klingt ganz einfach. Ich deinstalliere die App. Ätsch! Wenn das nichts hilft, werde ich meine Konten (ich bin auf 2 Onlineplattformen registriert) löschen. Das ist der erste Schritt. Weiters werde ich lokale Second Hand Geschäfte nur ganz bewusst aufsuchen. Das „ich schau einfach mal rein, um zu schauen, was es Neues gibt“ mache ich ohnehin selten, aber jetzt muss ich umso mehr darauf achten, das nicht zu tun.

Anders belohnen

Mein letzter Besuch in einem Second Hand Geschäft glich nämlich einer Schnitzeljagd (Stichwort Adrenalin). Ich nahm mir besonders viel Zeit – eigentlich wollte ich nur wieder wegen ein paar schönen Vorratsgläsern schauen -, um alle Kleiderständer penibelst durchzuschauen. Und dann war ich noch in der Schuhabteilung und in der Schihosenabteilung und in der Mantelabteilung. Obwohl mich eigentlich überfüllte Kleiderständer stressen, war es dieses Mal ganz anders. Ich war voll im Shoppingfieber. Meine Güte, was ich nicht alles anprobiert habe. Und ich merkte, wenn ich zwischen all den Fast Fashion-Teilen DEN Schatz entdeckt hatte, schaltete sich mein Verstand aus. Zwei Jeans von rennomierten Marken um € 15,- (ein absolutes Schnäppchen) – geworden ist es dann eine ganz andere, weil die zwei absoluten Schnäppchen zum Glück nicht gepasst haben. Eine Jacke, wo noch das Preisschild dran war (ebenfalls ein absolutes Schnäppchen – MUSS ich haben). Schuhe von einem rennomierten Schuherzeuger um € 20,- (die wollte ich schon immer haben und um DEN Preis!). Mein Puls raste. Mein Belohnungszentrum rief „Juche!“ und ich meinte, das mir das im Moment gut tat. Ich habe nach wie vor Freude an allen Teilen, die ich gekauft habe und ich trage sie. Aber unbedingt notwendig wären sie nicht gewesen.

Mir wurde klar, dass ich eine andere Belohnung für mich finden muss. JedeR sollte sich belohnen dürfen. Das ist an sich nichts Schlechtes und mensch darf selbst auf sich stolz sein. Aber Belohnung durch Konsum von Dingen ist nicht der richtige Weg. Finde ich halt. Viel effizienter, finde ich, ist ein besonderes Essen, das nicht jeden Tag am Teller liegt. Oder auch mal etwas Süßes – und damit meine ich die mega Kalorienbombe, die ich mir z. B. oft bewusst verkneife, um dann so richtig ohne schlechtem Gewissen zuzuschlagen. Am besten ist hinzuhören, was der eigene Körper verlangt, wenn er mal belohnt werden möchte. Das kann auch eine wohltuende Massage sein. Einfach nur Zeit für sich selbst. Oder auch mal gar nix – und damit meine ich wirklich nichts – tun.

An mir selber (weiter)arbeiten

Natürlich darf ich nicht vernachlässigen, dass ich weiterhin an mir arbeiten muss. Ein erster Schritt ist getan. Ich habe eingesehen, dass ich viel zu viel gekauft habe. Ja, auch ich bin nicht perfekt (auch wenn das viele erwarten und glauben). Ich bleibe bei meiner Regel: kommt ein neues Teil dazu, muss ein altes weg. Das heißt nicht, dass ich alles in den Mist werfe. Ich versuche v.a. Kleidungsstücke zu verschenken oder in Second Hand Geschäften los zu werden. 

Und ich werde mir die kommenden Monaten wieder verstärkt die Frage stellen: „Brauche ich das wirklich?“. Die erwähnte Baustelle werde ich bearbeiten. Ich habe bereits eine Vermutung, wo ich sie finden werde. Halte ich mich an dieses „Rezept“, bin ich guter Dinge, dass ich diese Konsumfalle hinter mir lassen kann und wieder zum ich mach es anders-„Tagesgeschäft“ übergehe.

Venedig Titelbild Lio Piccolo

Und trotzdem: Meine Stimme erhebe ich PRO Second Hand

Der Beitrag liest sich vielleicht für manche, als würde ich gegen Second Hand mobil machen wollen. Das ist natürlich gar nicht in meinem Sinne. Ich möchte lediglich aufzeigen, dass auch bei Second Hand ein Konsumrausch möglich ist. Ich plädiere IMMER dafür, dass Second Hand bei einer Neuanschaffung Überlegung Nr. 1 sein sollte und empfehle mir bekannte und wohlgesonnene Second Hand Geschäfte in meiner Umgebung. In manchen, kann mensch sogar seinen Geburtstag feiern 😀

ichmachesanders-tour-zweitkleid
Zweitkleid7 Second Hand

Blogreihe Second Hand

Ein Gutes hatte mein Second Hand-Kaufverhalten der letzten Zeit. Ich habe mit diesem ersten Beitrag eine neue Blogreihe zum Thema Second Hand ins Leben gerufen. Es wird in den nächsten Monaten immer wieder mal einen Beitrag zum Thema geben. Primär werde ich versuchen, möglichst viele Tipps für dich hineinzupacken. Aber natürlich werde ich auch all meine Erfahrungen in diesem Bereich kund tun. Mensch erlebt nämlich schon einiges.

Weitere Tipps?

Hast du weitere Tipps, um der Konsumfalle Second Hand zu entkommen? Wie machst du es, um nicht hinein zu „kippen“? Womit belohnst du dich?

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