ich mach es anders

Aus dem Nähkistl geplaudert – Interview mit Kadl

Kadls Nähkistl ist der klingende Name des Nähprojekts meiner Schulfreundin Karin. Durch Zufall habe ich in den sozialen Medien ihr Hobby entdeckt. Und letztens ist es passiert: sie postete ein Foto von einem Pullover, den sie für sich genäht hatte. Den wollte ich unbedingt auch haben. Nachhaltigkeitsgedanken hin oder her. Ich fragte also bei Karin (im weiteren Text nenne ich sie Kadl) nach, ob so ein Pulli auch für mich möglich wäre. Und schon schrieb sie mir zurück, dass ich ihr nur noch meine Maße und Stoffauswahl (sie machte mir Nähunkundigen ein paar Vorschläge) durch geben sollte, damit sie loslegen kann. War ich gespannt war auf das Ergebnis aus dem Nähkistl…

Pullover von Kadls Nähkistl

Mein neues Lieblingsteil im Winter.

Nach wenigen Tagen war es soweit: sie schickte mir ein Foto vom fertigen Pulli. Anschließend den Aufgabeschein des Pakets. Nach 7 laaaaangen Tagen des Wartens hielt ich den Pullover auch schon in Händen, probierte ihn an und spürte mein Herz höher schlagen. Er passte perfekt. Dann „inspizierte“ ich ihn genauer. Die ganzen Details, die Kadl einfließen ließ, hauten mich fast um. Kleine Embleme, die farblich passende Kordel zum Stoff, die schöne Verarbeitung, ihre „Unterschrift“ als kleines Etikett… Sie hat in ihrem Nähkistl volle Arbeit geleistet! Ich habe somit seit vielen Jahren wieder ein selbst genähtes Unikat in meinem Kleiderschrank hängen. Dank Kadl! Vielen lieben Dank auch an dieser Stelle noch einmal, meine Liebe! Dein Pullover steht mir so ausgezeichnet!

Ich selbst werde vermutlich nie zu nähen beginnen. Ich hatte schon in der Schulzeit keine Geduld dafür. Mit Holz zu arbeiten liegt mir mehr. Trotzdem beschlich mich während der Kommunikation mit Kadl das leise Gefühl, dass sie vielleicht doch ein Feuer in mir für das Nähen (vielleicht sogar für ein eigenes Nähkistl :p ) entfachen könnte. Es blieb aber bei einem kurz aufflackernden Mini-Flämmchen, als ich die Stofffarbe wählen sollte. 5 Sekunden, dann war es auch schon wieder erloschen. Weil mich die ganze Selbstnäherei jedoch zu interessieren begann, fragte ich Kadl, ob sie mir denn für diesen Blog nicht ein paar Fragen beantworten möchte. Und voilá – hier nun das Interview mit ihr. Mit ihrer Geschichte und ihren Gedanken rund um´s Thema Selbernähen und Nachhaltigkeit. 

Wie bist zu zu deinem Nähkistl gekommen?

Karin: Eigentlich hat es gute 30 Jahre gedauert, bis ich mich so richtig mit der Näherei angefreundet habe. In der Schule gab’s in Handarbeiten mal die Grundausbildung, damals hat mich das aber herzlich wenig interessiert. Vor 5 Jahren bat ich mal meinen Mann, mir eine billige Nähma (schine) mitzubringen um mich an der Reparatur eines kaputten Shirts zu versuchen. Hierbei hab ich mich wohl infiziert, mit dem Nähvirus. Ich nähte erste plumpe Taschen aus Baumwolle und von Hand zwei, drei Monsterstofftiere.

Aus Zeitmangel verflog das Interesse wieder so wie es gekommen war. Im Sommer 2017 bekam meine große Tochter ein Geschenk von ihrer Oma: Ein Kissen zum Selbernähen. Sie beauftragte mich damit und nachdem ich es wochenlang vor mir herschob, stellte ich es unerwartet motiviert im Oktober fertig. Danach bestickte ich für mein Patenkind ein Täschchen, was in mir Spaß an der Sache und einen gewissen Ehrgeiz weckte, etwas selbst zu erarbeiten und fertig zu stellen.  

Eine meiner Schwestern war damals im Nähen schon einige Zeit kundig und beschenkte meine Kinder mit Kleidungsstücken. Dann stieg meine beste Freundin in das Do it yourself -Nähgeschäft ein und stellte erste Sachen für ihre Kinder her. Spätestens das gab mir den letzten Schubs in die Trau-Dich-auch-endlich-Richtung. (DANKE BIRGIT UND MEL <3)

Im Dezember beschenkte ich mich zu Weihnachten dann mit einer hochwertigen Nähmaschine aus dem Fachhandel und damit war mein Schicksal sozusagen besiegelt. 😀

 Wie hast du dir das Wissen angeeignet?

Karin: In manchen Dingen ist das world wide web ein Segen. Zum Beispiel im autodidaktischen Erlernen von Sprachen, Instrumenten, Basteltechniken und dem Nähhandwerk. Auf YouTube gibt es nahezu für alles eine Anleitung. Die Schnittmuster, die man erwerben kann, sind leicht verständlich und meistens bebildert erklärt. Außerdem quillt das Internet förmlich über vor Näh-Blogs und Webseiten über das Hobby zum Selberlernen. Ich war verwundert, wie groß und populär die Nähszene mittlerweile ist.

Abgesehen davon, gründete ich mit meiner Schwester und meiner Freundin eine Nähgruppe auf Whatsapp. Sie sind mir ja mit dem Nähen voraus, daher konnte ich mir da viele Tipps holen und einige technische Fragen erörtern. Auch auf facebook stapeln sich die Nähgruppen und zig bekannte Labels pflegen ihre Seiten mit Anleitungen, Pinwall und Dateien zum Runterladen. Ich habe bei weitem noch nicht ausgelernt. Man darf nicht vergessen, dass das Nähen eigentlich eine 3 jährige Ausbildung ist.

Warum/für wen nähst du?

Karin: Kurioser Weise nähe ich am wenigsten für meine Familie  😀  Ich verschenke meine Werke aus dem Nähkistl sehr gerne an die Knirpse von Freunden, in der Großfamilie oder zu speziellen Anlässen. Manchmal auch einfach so. Die größte Freude bereitet mir das Nähen für Neuankömmlinge auf der Erde, das ist etwas ganz Besonderes.

Es hat auch den klassischen Ramschkauf zu Geburtstagen bei mir weitgehend abgelöst und ich bin so froh, darum nicht mehr aus Alternativlosigkeit in der Welle mit schwimmen zu müssen. Die Allermeisten sind aufrichtig erfreut über ein Unikat aus meiner Nähkiste. Ja und manchmal benähe ich auch Erwachsene, wenn sie ganz begeistert unter meinen Bildern im Näh-Album posten 😉

An dieser Stelle möchte ich gerne an die vielen Vereine und Privatpersonen aufmerksam machen, die ehrenamtlich für Frühchen und Sternenkinder, sprich Totgeborene und Fehlgeborene, nähen. Sie spenden auf eigene Kosten den Familien Trost, indem sie Deckchen und Kleidung in solchen Größen nähen, die man sonst nicht erwerben kann. Dadurch gewinnt ein Mensch, der nur kurz im Bauch oder auch auf der Erde sein durfte, an Respekt und Persönlichkeit und den Angehörigen tut es gut wenn das eigene Kind nicht schweigend als Tabuthema beerdigt wird.

Diese Vereine freuen sich immer über Spenden und engagierte MitnäherInnen. Einer dieser Vereine ist z. B. Herzenssache.

Wie viele Stunden wendest du im Schnitt pro Woche für dein Hobby auf?

Karin: Ich hab es noch nie beachtet, aber ich überschlage mal, an 4 von 7 Abenden bzw. Nächten sitze ich mit meiner Heidi (die Nähma) und dem Fred (die Overlockmaschine) zusammen und brüte über einem Projekt. Das kann von nur mal 4-5 Stunden in der Woche bis zu 30 variieren. Je nachdem wie die Herausforderung des Projektes und meine Näh-Lust ist. Zeit, die ich im Stoffladen vertranschel, ist nicht berücksichtigt 😀

Wie stehst du zum Thema Fast Fashion?

Karin: Ich persönlich bin grundsätzlich ein Shopping Muffel und konnte langes Klamotten suchen noch nie leiden. Ich bin auch kein Unterstützer der Ausbeutung, wie sie in dieser Branche üblich ist. So gut ich kann, vermeide ich Käufe solcher Art. Ich bin großer Fan von Second-hand, Ressourcennutzung und Upcycling. Für die Kids habe ich meine Quellen aus Familie und Freundeskreis, Unterwäsche natürlich ausgenommen. Ich selbst habe auch zwei wunderbare Kleidungs-Quellen, die meinen Kleiderschrank dann und wann aufpeppen. Aber ich habe auch Sachen die älter als 5 Jahre sind. Im Großen und Ganzen bin ich keine Fashion Queen, ich muss nicht immer das Neueste haben, nicht dem neuesten Trend folgen und geh auch nicht arbeiten, um mein Geld für Ausbeutung auszugeben. Schön wäre, wenn diese Märkte gar nicht mehr bedient werden würden, aber das ist leider Utopie. Viele können es sich schlichtweg nicht leisten, das könnte ich auch nicht mit Mann, Kinder, Katz und Hof.

Kaufst du dir überhaupt noch Kleidung oder machst du alles selbst?

Karin: Ich kaufe ganz selten Kleidung für mich, wenn dann noch eher  für die Kinder, wenn sie etwas Spezielles spontan brauchen. Ein sehr großer Nachteil der Selbernäherei sind die Kosten. Qualitativ hochwertiger Stoff für private Abnehmer ist unaussprechlich teuer. Es ist somit eine Liebhaberei und eigentlich gar kein Hobby mehr. Man würde meinen, selber nähen ist billiger als einkaufen aber das ist ein Trugschluss. Die Stoffpreise sind enorm. Daher zwingt mich manchmal der finanzielle Umstand auch zum Kaufen, vorzugsweise aber second hand. Der Vorgänger des Pullis für Sabrina war mein erstes ordentliches Werk aus dem Nähkisl für mich selbst nach über einem Jahr in der Näh-Welt. Sowas bekommt man in keinem Laden der Welt, das steht fest. Aber die Arbeitszeit und die Kosten dafür sind nahezu unbezahlbar.

Wie lange brauchst du ca. für z. B. einen Nähkistl-Pullover?

Karin: Da ich keine schnelle Näherin bin, schon mal 10 bis 20 Stunden. Wenn eine Naht nicht ordentlich sitzt, trenne ich auch gerne mal einmal öfter auf als hinterher unzufrieden zu sein. „Wer pennt der trennt“ ist ein weiser Spruch, den ich aufgeschnappt habe und er ist so wahr. Mir passieren dann und wann noch dumme Fehler durch Ablenkung, ein Kind am Bein oder Müdigkeit. Dann muss man die doppelte Zeit investieren. An manchen Tagen läuft’s allerdings wie am Schnürchen und man ist erstaunlich schnell fertig. Bei mir ist Nähen tatsächlich verfassungsabhängig. Ich muss Lust und Laune haben, sonst geht’s schief.

Hat deiner Meinung nach Handwerk wie es das Nähen ist, eine Zukunft in unseren Breitengraden?

Karin: Du wirst dich wundern, wie weit verbreitet das Hobbynähen zuhause mittlerweile ist. Die Stoffindustrie boomt und kommt manchmal mit der Produktion nicht hinterher. Ausschlaggebend dafür, ist die relativ leichte Erlernbarkeit des Handwerks von zuhause aus, der Charme der Einzelstücke, der Liebe zum Detail und natürlich das Erfolgserlebnis ein fertiges hübsches Werk aus den eigenen Händen vor sich zu sehen. Ich persönlich zehre sehr von der Anerkennung meiner Werke durch die Umwelt. Es macht mich glücklich, etwas geschaffen zu haben, ein Werk, wo man die Mühe und Anstrengung erkennen kann. Ich arbeite seit über 10 Jahren mit Patienten in verschiedenen Bereichen wie Pflege, Notfallmedizin oder wie aktuell in der hausärztlichen Versorgung. Obwohl man sein Bestes gibt, hat man am Ende des Tages nichts in den Händen. Nur etwas im Kopf, das aber niemand sehen oder bewerten kann. Es ist ein schöner aber sehr undankbarer Beruf, was das eigene Erfolgsgefühl betrifft.

Mich und die vielen tausend anderen privaten Nähbienen erfüllt es mit Stolz und es pusht das Selbstbewusstsein. Wir sind in der heutigen Leistungsgesellschaft ja direkt abhängig davon und manchmal ist es entscheidend, ob uns das Leben gelingt oder nicht. Mit der Näherei kann man sich definitiv neu entdecken und sich und seine Umwelt zu ein wenig Glücksgefühl verhelfen (wenn man den Kostenfaktor mal gaaaaaanz weit beiseite lässt 😀 )

Das Nähen hat definitiv Zukunft, weil die Menschen umdenken. Fast Food-Ketten schreiben rote Zahlen weil das Ernährungsbewusstsein in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist, so auch Tupper. Die Modewelt bekommt Konkurrenz durch den Gedanken der Nachhaltigkeit. Statt einem Plastikspielzeug schenkt man lieber ein einzigartiges Kleidungsstück, das voller Liebe weitergegeben werden kann, während Plastik aussichtslos auf dem Müll landet. Langsam schleicht sich ein Bewusstsein für den Kleinhandel wieder in die Köpfe. Es wird wieder mehr Wert auf Qualität und Handgemachtes gelegt. Ich bin ganz sicher, dass mich die Näherei und der Markt dazu noch viele Jahre begleiten und noch sicherer dass noch viele Menschen zur Hobbynäherei finden werden. 😀

Zählt Nähen auch zu deiner Leidenschaft? Wenn ja, wie hast du es gelernt und auf welches selbstgeschneiderte Teil bist du am meisten stolz?

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