ich mach es anders

FAIRreisen [Buchtipp]

Aussagen wie: „€ 120,- für einen Flug nach London ist mir zu teuer, aber € 66,- sind super.“ Und: „Ich flieg total gern durch die Gegend.“ verursachen einen Krampf in meiner Magengegend. Vor allem, nachdem ich das Buch FAIRreisen durch hab. Diese Posting habe ich vor einigen Tagen in meinem privaten facebook-Profil abgesetzt. Diese Aussagen einer Person, die ich nur sehr entfernt kenne, liegen mir heute noch im Magen. Noch viel mehr, weil ich gerade ein paar Tage zuvor das Buch „FAIRreisen von Frank Herrmann, erschienen im Oekom Verlag, fertig gelesen hatte, das mir eine Freundin empfohlen hat.

Die Wortmeldung der Person zeigt wunderbar auf, wie rücksichtslos unsere Gesellschaft heutzutage mit dem Thema reisen umgeht. Dass Nachhaltigkeit, Ethik und Fairness beim Reisen keinen Platz hat. Frank Herrmann beschreibt das in seinem Buch sehr gut. Im Urlaub wollen wir die Sau raus lassen. Da pfeifen wir auf Bio, FAIRTRADE oder Mülltrennung. Günstig soll es sein. Die Arbeitsbedingungen vor Ort im Zielland interessieren uns nicht. CO2-Fußabdruck – was ist das?

Der Inhalt von FAIRreisen

fairreisen-frenk-herrmannDer Titel „FAIRreisen“ verrät eigentlich schon, um was es geht. Und obwohl ich mich bemühe, möglichst fair und nachhaltig zu reisen, war ich gespannt darauf, was ich mir aus diesem Buch alles mitnehmen konnte. Meine Erwartungen an Inhalt und Tipps für nachhaltigeres Reisen waren riesig. Und ein rascher Blick über das Inhaltsverzeichnis versprach, diese Erwartungen zu erfüllen. Auf 318 Seiten werden von Herrmann in 5 Kapitel alle Bandbreiten des Tourismus, die mensch sich nur vorstellen kann, analysiert und kritisch diskutiert. Menschenrechte haben genauso viel Platz wie der Klimawandel, Gütesiegel, Tiere, Kultur, Städtetourismus oder Akteure im Tourismus.

Herrmann setzt sich kritisch mit den großen Reiseveranstaltern, den Arbeitsbedingungen in den Zielländern, den ökologischen Herausforderungen, die durch Flugreisen und Kreuzfahrten von jedem/jeder einzelnen Reisenden verursacht werden, auseinander. Bringt die Kompensation von Flugreisen etwas oder ist es nur eine Marketingmasche?  Welche Schritte setzen die großen Reiseanbieter im Bereich Nachhaltigkeit? Welche Buchungsplattformen bieten die Möglichkeit, nach nachhaltigen Angeboten zu suchen? Wie hat sich Reisen über die Jahrzehnte, nein über die Jahrhunderte, entwickelt? Am Ende des Buches gibt es zahlreiche Adressen, Literatur und Websiten zum Thema fairer Reisen.

Lesbarkeit & Kritik

Ich habe einige Zeit gebraucht, um in den Lesefluss zu kommen. Grund dafür sind zahlreiche Studien und Unmengen an Zahlen, die Herrmann anführt. Nicht weniger interessant, aber dadurch etwas schwerer zu lesen. Aber jedes einzelne Kapitel mit seinen Unterkapiteln war für sich spannend. Unter Kapitel 4, „Was wir tun können“ hätte ich mir etwas mehr erwartet. Die richtige Vorbereitung von Reisen oder sich im Urlaubsland wie ein Gast zu benehmen, ist für mich selbstverständlich. Auch, dass Airbnb als nachhaltige Alternative kritiklos dargestellt wird, kam nach meinem persönlichen Airbnb-Erlebnis damals in Köln, bei mir nicht ganz so gut an.

Was mich fasziniert hat: Herrmann geht weit über das eigentliche Reisen hinaus. Zum Beispiel werden große Reiseanbieter auf ihre Nachhlatigkeitsbestreben durchleuchtet, Reiseführer in Hinsicht auf ihre (nachhaltige) Produktion und ihren nachhaltigen Umgang mit den Autoren betrachtet. Und auch die Missstände in der Bekleisungsindustrie finden Platz in FAIRreisen.

Das habe ich für mich mitgenommen

Bei einigen Kapiteln wurde vorhandenes Wissen wieder in mein Bewusstsein gerückt, z. B. Flugreisen oder Voluntourismus. Bei anderen Themen habe ich viel gelernt – z. B. Kreuzfahrten, Slumtourismus (mir war nicht bewusst, dass in dieser Art und Weise mit der Armut der Menschen Kapital geschlagen wird). Ich habe gelernt, warum für Sehenswürdigkeiten, abgesehen von Bauten, Eintritte verlangt werden. Noch vor zwei Jahren habe ich mich beschwert, dass in Sardinien für die „Begehung“ eines Canyons € 5,00 verlangt wurden. Das Goldenen Gässchen in Prag haben wir nicht gesehen, weil wir damals zu geizig waren, Geld dafür zu bezahlen, um eine Gasse entlang zu schlendern. Nun weiß ich es besser. Man versucht damit, die enormen TouristInnenmassen zumindest etwas in den Griff zu bekommen. Nachdem ich FAIRreisen gelesen habe, erscheint mir das nachvollziehbar. und legitim. Zukünftig werde ich, sollte ich ein Objekt für den Massentourismus sehen oder begehen wollen, mit gutem Gewissen dafür bezahlen.

Gelernt habe ich auch viel über die zahlreichen Gütesiegel für Reisen (mir waren bislang nur sehr wenige bekannt) als auch über die  Anbieter die Kompensierung von Reisen. Viele sind mir bereits bekannt, aber ich wusste nicht, dass einige davon kommerziell sind. In Kapitel 5 werde ich auch zukünftig des Öfteren nachschlagen, denn das Angebot an alternativen Quellen ist wirklich umfassend!

Fazit

Auch wenn ich nach der Lektüre von FAIRreisen nun das Gefühl habe, dass die nachhaltigste Reise jene auf Balkonien ist, bin ich sehr dankbar, dass ich auf dieses Buch gestoßen bin. Ich kann selbst entscheiden, welchen Einfluss meine Reisetätigkeit auf die Umwelt, auf die Menschen im Zielland hat. Und auch ich kann entscheiden, ob ich überhaupt reise. Ich kann mich entscheiden, die Schönheiten dieser Welt zu sehen und damit auch ein kleines Stück zu zerstören. Oder ich kann entscheiden, nicht zu reisen, um damit das Erhalten dieser Schönheiten zu erhalten. Es liegt in meiner Hand. Ich hab die Wahl. Das Fliegen wird für mich immer unattraktiver. Ich bin ein bisschen stolz auf unseren alljährlichen Motorradurlaub, bei dem wir versuchen, möglichst nachhaltige Unterkünfte zu wählen und das Geld bei den Einheimischen auszugeben. Wir sind nicht perfekt, aber es ist ein erster Schritt und in meinen Augen ein richtiger, in Richtung FAIRreisen.

Zum Buch: Herrmann, Frank (2016): FAIRreisen. Das Handbuch für alle, die umweltbewusst unterwegs sein wollen. München: Oekom.

Zum Oekom Verlag: 

Der oekom verlag wirkt seit inzwischen 25 Jahren aktiv daran mit, dass so wichtige Themen wie Klimaschutz, Nachhaltiger Umgang mit natürlichen Ressourcen oder Schutz der Artenvielfalt in der Öffentlichkeit diskutiert und als zentrale Herausforderungen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft begriffen werden. Quelle

Das mir vorliegende Buch wurde mit dem Blauen Engel für Druckerzeugnisse produziert. Und das ist eine Seltenheit. Denn viele Bücher, u.a. auch Reiseführer, werden im fernen China produziert. Um Kosten zu sparen.

1 KommentarHinterlasse einen Kommentar

  • Das Buch ist wirklich ein Muss für alle Reisenden. Wir haben es auch gekauft und können dir nur zustimmen. Wenn man schon reist, dann bitte nachhaltig…villeicht auch mal außerhalb „Balkoniens“ 😀

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