EKZ killt Ortszentrum #2

ODER: Ein neuer Wochenmarkt in Hartbergs Innenstadt. Ein Aprilscherz? Bereits vor einiger Zeit habe ich meine Gedanken zum Thema Einkaufszentren hier am Blog fest gehalten. Heute möchte ich im Speziellen den Fall Hartberg wieder aufgreifen, denn ich habe gestern in der Steiermark Die Woche Hartberg, die Bezirkszeitung, durchgeblättert, wie ich es immer tue, wenn ich daheim in der Steiermark bin. Und diesmal bin ich gleich über zwei Beträge drüber gestolpert, die diese Stadt betreffen. Ich konnte, mit all den Hintergrundinformationen, die ich zusätzlich hatte, einfach nur den Kopf schütteln. Und nun muss ich das niederschreiben, was mir unter den Nägeln brennt.

Für mein Kopfschütteln gibt es mehrere Gründe.

  1. Es geht politisch in dieser Stadt gerade so richtig wäh ab. Es hätte bereits Mitte März ein neuer Finanzstadtrat gewählt, und somit der alte abgewählt, werden sollen. Dieser ist nämlich mit einer Gruppe von drei weiteren ÖVP-Gemeinderäten ein Dissident. Durch Auszug einer ausreichenden Anzahl an Gemeinderatsmitgliedern war dieser nicht mehr beschlussfähig und somit war eine Wahl nicht möglich. Die Sitzung wurde abgebrochen. Diese wurde nun am 24. März nachgeholt. Herr Bgm. Pack hat die Sitzung eröffnet und gleich an die letzte Sitzung angeschlossen – also mit der Wahl. Somit wurde der anwesende Gemeinderat überrascht und hatte keine andere Wahl, als die geheimen Wahl abzuhalten. Zwei Wortmeldung wären zum Thema laut Die Woche Hartberg gewesen, der Bgm. hat diese erst nach der Sitzung zugelassen. Es wurde gewählt und nun gibt es einen neuen Finanzstadtrat. Als Außenstehende, die nicht bei dieser Sitzung dabei war, hat diese Berichterstattung einen sehr bitteren Beigeschmack. Wortmeldungen nicht zuzulassen bzw. erst am Sitzungsende zuzulassen, vor allem dann auch noch vom Betroffenen, also dem Finanzstadtrat, der abgewählt wurde, ist nicht in meinem persönlichen demokratischen Verständnis vorhanden. Auch die Art und Weise, wie diese Sitzung angeblich eröffnet wurde, ist in meinen Augen nicht korrekt. Liest mensch diverse Zeitungsberichte (siehe weiter unten bei Quellen), stehen hier Worte wie ÖVP-Dissidenten und Schulden des TSV, die Verpfändung des städtischen Bauhofes, um ein überzogenes Konto in der Immo-Tochter HSI zu besichern usw. usf. Liest sich nicht schön. Ich gebe zu, ich habe mich mit diesen ganzen Punkten im Detail erst für diesen Beitrags beschäftigt, aber auch die offenen Briefe des Herrn Werner Mucknauer bestätigen meine Wahrnehmung, obwohl ich die ganze Sache nur von außen betrachte. In Brief Nr. 1 schreibt er, warum er sich zu Wort meldet. Nämlich aus dem Grund, dass sich sonst kaum jemand aus der Bevölkerung traut. Ich habe, als ich die ersten Missstände vor einigen Monaten aus Erzählungen von Bekannten, FreundInnen und Familie aufgeschnappt habe (siehe dazu ergänzend noch Punkt 2), fassungslos danach gefragt, warum von der Bevölkerung nicht mehr Widerstand kommt. Aber hier muss mensch das Leben im ländlichen Raum kennen, um dies nachvollziehen zu können. Hartberg gehört für mich, obwohl es sich um eine Stadt handelt, zum ländlichen Raum. Jede/r kennt jede/n, die Leute reden über eine/n, sobald mensch sich außerhalb der Norm bewegt und das möchte natürlich niemand. Außerdem hängt dann doch der eine oder andere Job davon ab, ob der Mund aufgemacht wird oder geschlossen bleibt. Herr Mucknauer pfeift darauf und meldet sich zu Wort. Das find ich gut. Ich als Außenstehende melde mich nun auch zu Wort. Vielleicht können wir ein paar Menschen mehr dazu bewegen, auch ihre Stimme zu erheben, denn so kann es nicht weiter gehen. –> siehe dazu auch wieder ergänzend Punkt 2.
  2. Im November des Vorjahres war ich für ein Klassentreffen wieder einmal seit Jahren, ich glaube, es waren fast 10, in dieser Stadt, wo ich vier Jahre lang zur Schule gegangen bin, sehr oft mit FreundInnen und Familie einkaufen war und deren Innenstadt ich sehr geschätzt habe. In der Stadt angekommen, hatte ich noch etwas Zeit, um einen kleinen Spaziergang durch die FUZO zu machen und ging mit offenem Mund durch. Zuerst hatte mich die berüchtigte Tiefgarage fassungslos gemacht, die vor einiger Zeit gebaut wurde. Ein riesen großes Teil, mehrheitlich leer, denn einerseits für den aktuellen Bedarf überdimensioniert und andererseits gab es rund herum ausreichend Gratis-Parkplätze. Laut Stellungnahme der ÖVP (siehe Quellen) wurde für die nächsten 20 bis 45 Jahre vorausgedacht. Aha. Aber wer weiß, was die kommenden 20 bis 45 Jahre sein wird? Es gibt natürlich statistische Vorberechnungen und Hochrechnungen, aber wer weiß, ob diese Schätzungen sich dann tatsächlich bewahrheiten? Die Stadtregierung hat die Idee, auch rund herum eine kostenpflichtige Kurzparkzone einzurichten, vermutlich, damit die Tiefgarage mehr Geld abwirft, um diverse Schulden zu tilgen. Eine Unterschriftenaktion dagegen gab es bereits. Dann gibt es noch ein riesen großes Tourismuszentrum – auch neu. Auch hier die Frage: „Wer braucht das?“ Diese Frage bringt mich zu Grund Nr. 3 bzw. bezieht sich darauf.
  3. Das bisherige Einkaufszentrum Hatric, dass schon sehr viel an Innenstadtleben getötet hat, wird zukünftig von einer Firma als Produktionsstätte verwendet. Unmittelbar daneben wird gerade ein noch größeres, schöneres und tolleres Einkaufszentrum gebaut. Es liegt nahe, dass einige verbleibende Geschäfte und Gastronomiebetriebe in der Innenstadt bereits Pläne schmieden, von der Innenstadt abzuwandern und sich im neuen EKZ anzusiedeln. Als ich im November dort war hat mir das Herz geblutet. Traditions- und Familienbetriebe sowie Ketten, die ich noch von früher gekannt hatte, waren nicht mehr vorhanden, einige neue haben sich getraut, etwas aufzumachen und dazwischen: Leerstände. Vor kurzem wurde nun auch der einzige Nahversorger geschlossen. Ich frage mich, wie lange es noch das Traditionsunternehmen Roth auf seinem Standort hält. Wäre dieses nicht, wäre vermutlich in der Innenstadt rein gar nichts mehr los. Wen soll es noch dort hin ziehen, wenn es nichts mehr gibt? Gut, es gibt die eine oder andere Veranstaltung im Jahr. Aber die restlichen Tage? Kaum noch Einkaufsmöglichkeiten in der Innenstadt bedingen über die Zeit, dass auch die Gastronomie nach und nach ihre Pforten schleißen wird. Schon 2013 machten die Grünen in Hartberg auf das Problem der Abwanderung von Betrieben aus der Innenstadt aufmerksam. Heute haben wir den Salat und dieser wird vermutlich immer fauler, wenn das EKZ noch größer und attraktiver werden soll. 50 Millionen Euro werden dafür investiert. Die ökologischen Auswirkungen werden wir unmittelbar spüren. Obwohl Geschäftsflächen in der Innenstadt vorhanden und verfügbar sind, wird durch den Neubau des EKZ Hatric weiterer Boden durch den Neubau versiegelt, der einen ganzen Schweif an Problemen hinterher zieht. Dazu möchte ich euch den Beitrag „Bodenversiegelung nimmt dramatische Ausmaße an“ von Wolfgang Spitzmüller ans Herz legen. Und auch dazu, also zum Sterben der Innenstadt, nimmt die ÖVP in ihrem Brief an Hrn. Mucknbauer Stellung. Es ziehen die Ketten ab, dafür siedeln sich Kleinunternehmen in der Innenstadt an. 9 Stück waren es 2015 und 2016. Wie viele in diesen Jahren und den Jahren zuvor geschlossen haben, wird in keinem Satz erwähnt. Wahrscheinlich können sich die Kleinunternehmen die Mieten im EKZ nicht leisten und versuchen ihr Glück deshalb in der Innenstadt. Ich drücke ihnen beide Daumen, dass es funktioniert. Und somit auch der Bogen zum Tourismuszentrum: Welche/n Touristen/Touristin verschlägt es in eine Innenstadt, in der kein Leben mehr vorhanden ist? Mich persönlich würde das nicht reizen.

Der Aprilscherz

So, und nun nach dem Ganzen zum Aprilscherz – ich hab es jedenfalls so verstanden. In der gleichen Ausgabe von Die Woche Hartberg, in der auch über Punkt 1 einige Seiten zuvor berichtet wurde, stand geschrieben, dass ab 7. Mai ein Wochenmarkt am Hartberger Hauptplatz eröffnet wird. Ich konnte es einfach nicht fassen. Ich mein, ich liebe Wochenmärkte und unterstütze Initiativen, die in Richtung Regionalität, Saisonalität, Bewusstsein für hochwertige Lebensmittel und Direktvermarktung gehen. Stadtmarketingleiterin Rita Schreiner wird folgendermaßen zitiert: „Ziel ist es, den Markt zu einer Begegnungsstätte zu machen und so zur Belebung der Innenstadt beizutragen“. Tolles Konzept, eigentlich total unterstützenswert. Aber in einer bereits fast toten Innenstadt? Um diese wieder zu beleben? Wie soll das bitte funktionieren?

Meine Gedanken dazu

Die Menschen sind alle außerhalb der Innenstadt im tollen EKZ, es wird übrigens Fachmarktzentrum heißen, anzutreffen und würde ich EKZ´s toll finden, würde ich nicht extra für Gemüse, Obst, Wurst, Käse und Brot und auch nicht für einige Schmankerl, die es einmal im Monat geben soll, in die Innenstadt fahren. Denn Lebensmittelgeschäfte gibt´s rund um das Hatric und da ist es wesentlich günstiger einzukaufen. Außerdem stehen ja die Parkgebühren im Raum (Einen aktuellen Stand zur Thematik habe ich leider nicht gefunden. Die letzten Artikel stammen vom Februar 2016). Im Hatric kann gratis geparkt werden. Noch ein Grund mehr, die Innenstadt zu meiden. Bessere Qualität vom Markt hin oder her. Weiters gibt es in der Nähe des Hauptplatzes den Bauernmarkt (mich wundert eh, dass sich der nach wie vor tapfer hält, freu mich aber sehr). Der Wochenmarkt soll eine Ergänzung dazu sein. Aha. Und worin unterscheiden sich nun die Produkte vom Bauern- zu jenen vom Wochenmarkt genau? Vermutlich werden ebenfalls hauptsächlich regionale LandwirtInnen am Wochenmarkt mit ihren Produkten vertreten sein. Wer denn sonst? Und dann eine Ergänzung zum Bauernmarkt? Womit? Mit exotischen Kreationen, Rezepturen und Kreuzungen? Zumindest ergänzen sich die beiden Märkte bei ihren Öffnungszeiten. Den Bauernmarkt gibt´s immer dienstags und freitags, den Wochenmarkt dann am Samstag. Ich werde mich bei Gelegenheit selbst davon überzeugen, wie es läuft und weiter recherchieren.Und natürlich beobachten, wie es in meiner ehemaligen Bezirkshauptstadt weiter geht, denn das, was jetzt gerade läuft, gefällt mir nicht. Die MarketingexpertInnen und PolitikerInnen der Stadt werden sich dazu (hoffentlich) etwas überlegt haben. Ich würde mich freuen, wenn die Konzepte aufgehen und die Innenstadt wieder zu leben beginnt. So wie früher.

Zusammenfassend ist mein Eindruck, und diesen werden vermutlich viele andere auch haben, dass Hartberg mit gravierenden Problemen konfrontiert ist. Es gibt offenbar eine finanzielle Krise, eine politische Krise und die Krise des Innenstadtsterbens. Und vermutlich noch zahlreiche weitere und ich bin froh darüber, sie nicht alle zu kennen.

Das waren nun die Gedanken zum Thema einer Außenstehenden. Liebe Hartbergerinnen und Harberger, liebe Menschen, die ihr in den umliegenden Gemeinden lebt: Wie ist euer Standpunkt zum Thema Innenstadtsterben in Hartberg? Sehr ihr das genauso wie ich oder seid ihr anderer Meinung? Das würde mich brennend interessieren und ich würde mich über eine rege Diskussion sehr freuen! Natürlich darf auch jedeR mitdiskutieren, der/die zu diesem Thema etwas zu sagen hat, denn Hartberg ist nicht die einzige Stadt, die davon betroffen ist. Vielleicht schaffen es meine Zeilen ja sogar zu einem/einer PolitikerIn der Stadt. Auch Sie sind natürlich herzlich willkommen, ihren Standpunkt hier abzugeben.

Quellen:
Kleine Zeitung: Hartberg: Der VP-Klub steht vor Zerfall
Kleine Zeitung: Pakt mit der Stadt soll TSV-Fußballverein entschulden
Kleine Zeitung: Das große Schaufeln im Osten
Die Woche Hartberg: Genuss aus der Region beim Altstadtmarkt Hartberg
Die Woche Hartberg: Hartberg: Zusätzliche Parkgebühren – nein danke!
Offener Brief Werner Mucknauer, Nr. 1
Offener Brief Werner Mucknauer, Nr. 2
Antwort der ÖVP auf Brief Nr. 1 von Hrn. Mucknauer

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