ich mach es anders

Hoffnung überwindet Grenzen und versetzt Berge – (m)ein Tag am Wiener Hauptbahnhof

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Nachdem ich einige Male Schspenden für Schutzsuchende in Wien abgegeben hatte, half ich gestern von 13:00 bis 20:00 am Wiener Hauptbahnhof bei der Caritas Notschlafstelle. Täglich fahre ich mit der Bim direkt bei der Betreuungsstelle von trainofhope vorbei, täglich sehe ich einmal mehr und einmal etwas weniger Menschen, die auf ihre Weiterreise warten und dazwischen betreut werden müssen, täglich sehe ich in aller Früh die unermüdlichen HelferInnen. Und das ist schwer zu ertragen – einfach vorbei in die Arbeit zu fahren. Deshalb war es mir und ist es mir ein Anliegen, etwas von meiner Zeit, zumindest an den Wochenenden, zu spenden. Es waren 7 kurzweilige, anstrengende aber äußerst bereichernde Stunden.

Heute bin ich etwas gerädert und verarbeitet noch immer die ganzen Eindrücke und Erlebnisse.

Ein schwerer Weg

Auf meinem Weg zur Caritas-Stelle sah ich Babys und Kleinkinder am nackten Boden schlafen – die Erschöpfung muss unglaublich groß sein. Diese Tatsache ließ meine Augen fast ein wenig feucht werden. Monatelang habe ich mich davor gedrückt, nach Traiskirchen zu fahren. Einfach aus Angst davor, es emotional „nicht zu schaffen“. Jetzt, dachte ich mir, reiß dich endlich zamm, plärren hilft niemandem was, sondern anpacken. Einfach schauen, wo Unterstützung gebraucht wird und tun. Und das tat ich dann. Es war ohnehin nicht viel Zeit, über Schicksale der Einzelnen nach zu denken. Und das ist, glaube ich, auch wichtig, um selbst nicht an der Situation emotional zu zerbrechen. Das klingt jetzt hart, aber als HelferIn muss mensch sich selbst schützen und jede/r hat dafür seinen/ihren eigenen Weg. Ich eben, dass ich eine kleine Mauer um mich aufbaue, um nicht zu viel zu nah an mich ran zu lassen.

Angekommen bei der Notschlafstelle

Bei der Notschlafstelle angelangt, packte ich gleich ohne viel Einschulung mit an. Zuerst hieß es putzen. Die Notschlafstelle wurde gereinigt, es mussten also alle Feldbetten aus der Halle raus. Die große Herausforderung für uns war fest zu stellen, welche Schlafplätze besetzt waren und welche nicht, obwohl noch Kleidung, Essen oder Spielsachen am Bett lagen. Denn auch all das musste aus dem Raum geschaffen werden und wir mussten entscheiden, was zu entsorgen war. Die Angst, etwas zu entsorgen, was später eventuell wieder abgeholt wird – vielleicht das einzige Hab und Gut einer Person – war groß und grausam.

Zu diesem Zeitpunkt war es sehr ruhig in der Notschlafstelle. Bis auf wenige Männer, die sich von den Strapazen der letzten Wochen ausruhten, war nicht viel los. Und dafür war ich bei meinem ersten Einsatz sehr dankbar. Denn auf der anderen Seite, bei trainofhope, war die Hölle los. Hunderte Menschen, die mit Essen, Hygieneartikeln, Medizin versorgt werden mussten, Menschen, die duschen wollten und sich über die folgenden Zugverbindungen nach Deutschland informierten, Menschen, die Sachspenden abgaben. All dies musste koordiniert und organisiert werden.

Hoffnung versetzt Berge

Was mich sehr an diesem Tag geprägt hat, war diese Hoffnung, die diese Menschen in sich tragen. Denn es hieß: Deutschland macht die Grenzen zu, es fahren keine Züge mehr nach Germany. Genau zu diesem Zeitpunkt war es meine Aufgabe, zwei Männer aus Syrien zum ÖBB-Schalter zu begleiten, damit sie ihr Geld für die Tickets nach Hamburg zurück bekommen. Mensch, hatte ich Bammel. Ein Schweißausbruch jagte den nächsten und ich merkte, wie fertig ich eigentlich schon war. Denn: wer die ÖBB von früher kennt, weiß, warum ich Schweißausbrüche hatte. Die Kommunikation war, sagen wir mal, nicht immer die beste… Etwas entspannter wurde ich, als ich vor dem Reisezentrum eine Dame von der ÖBB fragte, was jetzt mit Tickets nach Deutschland passiert, wenn die Grenzen zu sind. Sie versicherte mir, dass sie ohne Probleme rück erstattet werden. Pfuh, Glück gehabt.

Aber nur vorerst, denn am Schaltet hieß es: wir haben keine Dienstanweisung erhalten, wir haben nicht genug Geld in der Kasse, um all die Tickets auszuzahlen blablablabla. Großartig war jedoch die Reaktion des Mitarbeiters, der sich zuvor ein bissl geziert hatte. Er rief bei der „obersten“ Chefin an und holte sich die Dienstanweisung zur Auszahlung der Tickets ab. Dann aber das nächste Problem: wir sollten ein Formular ausfüllen. Und hier konnte ich mir das Lachen nicht mehr verkneifen. Gefordert sind hier nämlich Name, Adresse und Bankverbindung. Dem Mitarbeiter war beim Gespräch mit seiner Chefin bereits klar, dass auf die Bankverbindung verzichtet werden musste, an die Adresse hatte er jedoch nicht gedacht. Wir einigten uns dann darauf, die Adresse vom Hauptbahnhof anzugeben, plus Name und Unterschrift und voilá: wir hatten das Geld. Und es war viel Geld – 6 Personen inkl. Reservierung. Hier wurde sichtbar, dass die österreichische Bürokratie in Notfällen ausgehebelt werden kann und das ist auch wichtig so. Ein Syrer, den ich begleitete schmunzelte etwas über das „bürokratische Österreich“. Er und sein Freund bedankten sich herzlich bei mir und traten der Nacht in Wien entspannt entgegen. DANKE ÖBB!!!

Ein Teil ihrer Familie war bereits auf dem Weg nach Schweden, sie würden ihnen bestimmt bald folgen, meinte er. Die nächste Frage an mich war, ob ich Taxifahrer kennen würde, die sie nach Hamburg bringen könnten. Finanziell würde sich das schon ausgehen, meinte er. Und er erzählte mir, dass die Anreise aus Budapest nach Wien im Taxi auch kein Problem war, wenn auch mit EUR 1.000,- pro Taxi (2 wurden „gebucht“) sehr teuer. Seit 25 Tagen seien sie schon unterwegs – 2 Familien mit Kleinkind und Baby. In Schweden möchten sie wieder neu Fuß fassen. Ich wünsche ihnen alles Gute für die weitere Reise – möge diese bald zu Ende sein!

Kinder – die Freude des Lebens

Was mich noch beeindruckte, waren die Kinder, die trotz dieser unbequemen Situation ihre freudiges Lachen nicht verloren. Einem Mädchen half ich, ihren Koffer zu zu machen, als sie sich eine Puppe heraus holte – der Koffer war voller Kuscheltiere. Sie strahlte mich an, sagte „Thank“ und rannte zu ihrer Familie weiter. Auch ihre Augen und ihr Strahlen werde ich nie vergessen. Die Jungs spielten mit kleinen Hubschraubern und Fahrzeugen – ganz normale Kinder eben, die für wenige Stunden endlich wieder Kind sein konnten…

Wieder zurück in der Notschlafstelle, die mittlerweile voll belegt war, machten wir uns daran, alle Decken und Isomatten zu verteilen, die wir hatten. Denn all jene, die in der Notschlafstelle keinen Platz mehr erhalten hatten, machten es sich in der Bahnhofshalle oder draußen „gemütlich“. Vor allem die Menschen draußen mussten mit warmen Decken versorgt werden. Das Schlimme war, Menschen von der Schlafstelle wieder weg zu weisen, weil kein Platz mehr war. Ein schutzbedürftiger Teenager half uns all die Decken zu verteilen und auch die Hilfbereitschaft beim Müll einsammeln war riesig – alle halfen mit. Und so viele „Thank you“´s hab ich noch nie an einem Tag gehört (da habe ich die Danke´s schon mit gezählt 😉 ). Was mich auch überrascht hat war, dass es trotz der Menschenmassen relativ ruhig war. Obwohl die Menschen panisch hätten werden können, weil sie von Wien nicht weiter reisen konnten, blieb die Situation den Umständen entsprechend äußerst entspannt. Trotzdem war jetzt auch viel bei uns los: Menschen, die Schlafplätze benötigten, die einen Arzt brauchten, die duschen wollten, die Decken benötigten und und und. Unser Problem war jedoch, dass uns die Decken schön langsam ausgingen. Innerhalb weniger Minuten hatten wir mehrere hundert Decken verteilt. Isomatten und Schlafsäcke waren Mangelware – nicht auszumalen, was lost ist, wenn es kälter wird…

Nachrichtentechnisch habe ich an diesem Tag nicht viel mitbekommen. Ich habe heute erst nachgelesen, was an den Grenzen zu Ungarn, Serbien und Deutschland gerade abgeht und ich einfach nur entsetzt. Entsetzt über dieses Nichts-Tun der österreichischen Politik und vor allem aber der europäischen Politik. Die Zivilgesellschaft springt ein, Freiwillige arbeiten Tag und Nacht, damit das System funktioniert. Von der Politik höre ich aktuell sehr wenig und wenn, dann nichts motivierendes.

Für all jene, die sich fragen, wie denn „so Flüchtlinge“ sind und was die denn so alles haben oder nicht haben:

  • sie sind Menschen wie du und ich, mit Gefühlen, Ängsten, Träumen und ganz viel Hoffnung
  • ja, sie haben beinahe ALLE, vor allem die Männer, ein Handy. Das bringen sie meist von zu Hause mit und ja, auch in Syrien, Afghanistan, Nigeria etc. gibt es iPhones, mensch mag es kaum glauben. Und auch Schutzsuchende sind über facebook vernetzt. Sie erhalten über diese social media-Plattformen wichtige Infos, z. B. dass Deutschland die Grenzen schließt oder bleiben mit ihren Bekannten und Verwandten in Kontakt. Das Smartphone ist ihre einzige Möglichkeit, mit der Familie und ihren FreundInnen in Kontakt zu bleiben.
  • ja, sie haben Geld – wie du und ich. Sie hatten zum Teil gute Jobs, sie haben Erspartes, das sie gerade für ihre Flucht ausgeben, damit sie mit ihren Familien in Frieden ein neues Leben beginnen können. Oftmals spart eine ganze Familie (und Familie heißt in diesen Kulturen ganz etwas anders als in unseren Breitengraden!!!!) dafür, um eine Person Richtung Europa zu schicken.
  • nein, mensch muss vor ihnen keine Angst haben. Wie schon gesagt: es sind MENSCHEN WIE DU UND ICH! In wessen Hirn das nicht rein geht, dem empfehle ich einen Tag am Wiener Haupt- oder Westbahnhof, am Salzburger Hauptbahnhof, in Traiskirchen oder mittlerweile auch im Burgenland mit zu arbeiten.
  • ja, sie riskieren alles, um nach Europa zu kommen, denn zu Hause haben sie nichts mehr zu verlieren, denn da ist nix mehr. Und ehrlich, wer von uns würde es anders machen??

So, die Hälfte, was ich eigentlich sagen wollte, habe ich bestimmt vergessen, aber es kommen gerade wieder ein ganzer Haufen Emotionen in mir hoch, weshalb es vermutlich nun besser ist, den Laptop abzudrehen und noch eine zweite Nacht die Bilder und Erlebnisse zu verabeiten. Nach einigen Tagen Pause werde ich jedoch bestimmt wieder einen Nachmittag am Hauptbahnhof verbringen – einfach, weil es mir wichtig ist. Denn jeder Mensch auf dieser Erde hat eine Chance verdient und ich bin dafür, dass wir ihnen diese geben sollten!!

 

PS: Verzeiht mir bitte mögliche Grammatik- oder Rechtschreibfehler. Ich bin echt müd, obwohl es erst kurz vor 21:30 ist. Gute Nacht!

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