„Es wird nicht jedes Jahr leichter, sondern immer schwieriger, weil alle immer mehr wollen“

Dieses Zitat stammt vom Life Ball-Organisator Gery Keszler, der gestern auf der Bühne der Welt mitteilte, dass er sich mit 20 Jahren in Australien mit HIV infiziert hat. Heute sind die Medien voll davon (leider auch sehr unscharf, da auf den Unterschied HIV/AIDS gepfiffen wird). Das angeführte Zitat möchte ich aufgreifen und näher behandeln, da es ein wenig untergegangen, aber nicht weniger wichtig ist. Dass gestern etwas „in der Luft“ lag, war schon klar, als Gery Keszler die Bühne betreten hat.

Ich konnte ihm, ehrlich gesagt, am Beginn kaum folgen. Er erzählte, dass er vor kurzem einen Freund verloren hatte und widmete ihm – dem Horsti – den 23. Life Ball. Dann ließ er Zweifel aufkommen, ob es die Party Life Ball unbedingt braucht, weil doch die Gefahr besteht, dass es nur um die Party und nicht um das Thema geht. Unter anderem zweifelte er am Sinn des Events, weil bei der vorangegangenen Veranstaltung, der Aids Solidarity Gala in der Wiener Hofburg, bei der Versteigerung nur ein Bruchteil vom Vorjahr eingenommen wurde und sich einige Gäste darüber beschwerten, dass es unverschämt sei, dass für alles (noch mehr) Geld verlangt wird. Dieser „Zielgruppe“ geht es also ums Geld und nicht ums Thema. Wäre ich Gery Keszler, hätte ich die selben Zweifel. Abschließend überraschte er mit seinem Outcoming. Mit dem habe ich nicht gerechnet – eher damit, dass er alles hinschmeißt. Wie auch immer: ich hatte Gänsehaut.

Ergreifend war für mich auch, als er sich beim „Fußvolk“ bedankte und darauf hinwies, dass jeder Euro wichtig und auch notwendig ist, der von den „Kleinen“ komme. Er zählt sich hier dazu und das kaufe ich ihm auch ab – vor allem seit gestern. Ich stand ihm bisher neutral gegenüber, ziehe aber nun meinen Hut vor ihm, dass er öffentlich den B, C und D-Promis, die sich auf dieser Gala tummelten, die Stirn geboten und der Welt erzählt hat, dass auch er selbst ein Betroffener ist. Dass er jährlich diesen Ball aus dem Boden stampft, darf natürlich auch nicht unerwähnt bleiben. Wie er sagt: „Es wird nicht jedes Jahr leichter, sondern immer schwieriger, weil alle immer mehr wollen“ und das offenbar für weniger Geld.

Das Erlebnis bei der Aids Solidarity Gala hat ihn als Betroffenen bestimmt sehr hart getroffen. Diese Menschen vergessen offenbar, dass ihnen eine Show der Sonderklasse geboten wird – vor dem Ball und beim Ball. Nur mit Hilfe dieser Events können diese Spendensummen aufgetrieben werden. Würde ein stinknormaler Spendenaufruf stattfinden, wäre die Spendensumme bestimmt eine sehr überschaubare. Klar lassen die Gäste bei dieser Gala einige hundert oder vielleicht sogar tausend Euro liegen. Aber ich getraue mich zu vermuten, dass es sich dabei um einen Bruchteil ihres Monatseinkommens handelt. Und sie bekommen dafür ein tolles Programm geboten und bestimmt ein sehr feines Essen mit Champagner und Kaviar. Sich darüber aufzuregen, dass alles etwas, und vielleicht auch etwas mehr als im Vorjahr, kostet, finde ich unverschämt. Niemand zwingt sie, sich in diese Gala einzukaufen.

Der Life Ball wird ja von vielen Menschen kritisiert – eben weil es sich um so ein großes Spektakel handelt, das natürlich auch Geld kostet. Auch wenn KünstlerInnen und ModeratorInnen an diesem Abend ehrenamtlich auf der Bühne stehen, läuft im Hintergrund eine riesige Maschinerie – angefangen vom/von der BühnenarbeiterIn über den/die Kellnerin bis zum/zur PilotIn, der/die den Jet mit den Promis fliegt.

Ich persönlich stehe diesem Event nicht kritisch gegenüber, denn die Gesellschaft, die High Society – die, mit dem vielen Geld – verlangt es so. Ja, ich find es traurig, dass den Leuten so eine Show geboten werden MUSS, damit das Geld etwas lockerer sitzt, als gewöhnlich. Aber es funktioniert bei jeder anderen Spendenaktion ähnlich. Kinder blicken mitleiderregend von Plakaten, zahlreiche NGOs veranstalten Spaßevents (Kabaretts, Konzerte, Galadinners etc.), deren Reinerlös gespendet wird. Genau so ist es auch beim Life Ball. Er hat zwar eine etwas andere Dimension, jedoch ist das Prinzip das gleiche. Die Gäste wollen bunte Kostüme, gute Musik und eine noch bessere Modenschau als im Vorjahr. Aja, und noch mehr Celebrities.

Halten wir uns bitte alle einen Spiegel vors Gesicht, wenn wir über dieses Thema nachdenken. Denn ist es nicht so, dass das Thema HIV/AIDS ein ziemlich uncooles wäre, gäbe es nicht den Life Ball? Wäre das Thema nicht unsexy, hätte Gery Keszler nicht jahrelang dafür gekämpft, um es zum Thema zu machen? Die Menschheit spendet lieber für Tiere, hungernde Kinder oder für die Katastrophenhilfe (was natürlich auch sehr wichtig ist), denn diese „Geschichten“ sind leichter kommunizierbar und drücken etwas mehr auf die Tränendrüse, als „irgendein“ Virus, an dem die Menschen still und oft einsam sterben.

Es wäre schön, müsste es diesen Ball gar nicht mehr geben. So lange er jedoch noch notwendig ist, würde ich mir wünschen, dass das Motto „weniger ist mehr“ einzieht. Mehr geht, glaube ich, gar nicht mehr – der Life Ball hat seinen Zenit erreicht. Und das hat indirekt gestern auch Gery Keszler gesagt. Ich persönlich möchte einmal in meinem Leben auf diesen Ball. Mit viel Glück habe ich diese Chance in den nächsten drei Jahren. Danach gibt es den Life Ball hoffentlich nicht mehr, weil er nicht mehr notwendig ist.

It´s easy being green – Just do it!

PS: Über dein Like auf der Facebook-Seite „ich mach es anders“ freu ich mich!

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