ich mach es anders

Wer schön sein will muss sich informieren Teil1 – Gastbeitrag von Oliver Wejwar

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Ich bin ein Kosmetikliebhaber. Wie ich dazu kam? Eher gezwungenermaßen. Als ich nämlich 2008 fast täglich im Musical „Rebecca“ im Raimundtheater auf der Bühne stand und meine Haut  durch die ständige Schminke immer mehr Reizungen bekam, kaufte ich mir auf Rat der Maskenbildnerin meine ersten Hautpflegeprodukte. Bei der heute doch riesengroßen Auswahl hat auch fast jede Kosmetikfirma eine eigene Linie für Männer.

Damals griff ich zu einer Marke im Luxussegment. Das Design sprach mich an und dass so viele Pflanzenextrakte wie Portulak und Bisongras in den Produkten sind. Hört sich doch toll an…da kann man ja scheinbar nichts falsch machen.

Mein Hautbild verbesserte sich auch tatsächlich rasant und ich verwendete die Produkte weiterhin, ja, gönnte mir immer wieder mehrere Cremes- man will ja das Beste für sich tun- zu jeder Jahreszeit  die bestmögliche Plege-365 Tage. Was ich nicht bemerkte war: Meine Haut wollte immer mehr- wenn ich nicht genug cremte rebellierte sie und reagierte mit Trockenheit- ein schleichender Vorgang. Die Luxuscremes- denn- sind wir mal ehrlich- 38 bis 65 Euro für eine Creme- sind schon eine Menge Geld- wurden immer zahlreicher und oft machte ich meine Schnäppchen beim Duty Free- was für ein gutes Gefühl, wenn man doch Geld sparen kann. Und vor einer Reise kauft man doch auch gleich viel mehr und entspannter ein. Die Cremes gehörten zum festen Lebensbestandteil- sie waren nicht wegzudenken. Noch das passende Bad dazu- in New York im Spa meiner Kosmetikmarke des Vertrauens empfahl man mir nach einer Gesichtsbehandlung (gratis, weil ich an dem Tag meine Produktpalette mal wieder ordentlich aufstockte)dann auch noch Gesichts-und Augenmaske, Duschgel, Face Wash und schon konnte ich mich als stolzer Besitzer von über 20 (!) Produkten sehen. Im Winter das Gesichtsöl, nach dem Baden noch das Körperöl- es roch ja auch so verdammt gut!

Ich bin fest davon überzeugt, dass es- so wie mir damals- vielen Menschen geht. Kosmetikprodukte sind zu einem Großteil auch Lifestyleprodukte und werden- das muss man der Kosmetikindustrie lassen- verdammt clever beworben und vertrieben- man denkt bei jedem Kauf tatsächlich, dass man sich etwas Gutes tut und die Haut sehr gut gepflegt ist- von Anti Ageing Cremes und deren Versprechen mal ganz abgesehen. Inzwischen habe ich gelernt, dass die Haut oberflächlich gut gepflegt aussehen kann, in den unteren Schichten jedoch mehr und mehr an Widerstandsfähigkeit verliert und die natürliche Schutzbarriere durch bestimmte Stoffe zerstört wird. So kommt es z.B. zu einer langsameren Heilung, wenn schädigende Inhaltsstoffe täglich auf die Haut treffen.

Anfang 2013 las ich zufällig, nachdem ich gerade einen großen Vorrat an neuen Produkten meiner Lieblingshautpflege-Firma gehortet hatte einen Artikel über schädliche Inhaltsstoffe in Kosmetik. Und die Reise begann. Ich begab mich in die Weiten des „World Wide Web“ und googelte jeden, wirklich JEDEN Inhaltsstoff meiner Cremes, Badezusätze, Duschgels, Deos, Lotions, Peelings und Öle, weil ich dachte, dass diese Stoffe doch nicht in MEINER Kosmetik sind- da sind doch Bisongras und Portulak drin… Was mich erwartete waren monatelange Recherchen über Inhaltsstoffe, das richtige Lesen der INCI-Listen und die europäische Kosmetikverordnung bis hin zu unzähligen Erfahrungsberichten über Allergien und Unverträglichkeitsreaktionen auf bestimmte Inhaltsstoffe von Methylisothiazolinon bis zu den „berühmten“ Parabenen, von Phenoxyethanol und Disodium Edta bis Butylen-Pentylen- und Propylenglycol.

Ich schrieb an den deutschen Kosmetikverband mit der Bitte, mir bestimmte Inhaltsstoffe in meiner Lieblingskosmetik zu erklären- meine Mail wurde umgehend an den Kosmetikhersteller weitergeleitet. Zugleich schrieb ich auch ein Mail an meinen Lieblingshersteller selbst und fragte mal genauer nach den Inhaltsstoffen nach. Die Antwort kam prompt und man erklärte mir:

„…- Produkte waren noch nie Naturkosmetik, sondern … verwendet, wo immer möglich, pflanzliche Aktivstoffe. Die sind in Verbindung mit synthetischen Inhaltsstoffen der Grund für die Wirksamkeit, die feinen Texturen und auch den angenehmen Duft der Produkte…“

Auf meine Frage nach dem Inhaltsstoff Parfum erhielt ich folgende Erklärung:

„Parfum ist die Bezeichnung für Duftstoffe, die nicht einzeln deklariert werden (meist am Ende der Inhaltsstoff-Auflistung) und die für den angenehmen oder charakteristischen Geruch eines Produktes zuständig sind.“

Parfum stand in keiner INCI-Liste meiner genutzten Produkte an letzter Stelle oder am Ende, sondern stets am Anfang oder in der Mitte. Zudem ist bekannt, dass Parfum extrem schlecht für die Haut und deren Schutzbarriere ist und sich aus  der Reaktion mehrerer Stoffe zusammensetzt, die nicht einzeln angegeben werden müssen- jedoch hautschädigend ausfallen können und ein hohes Allergiepotenzial besitzen.

In der zweiten Mail und nachdem der deutsche Kosmetikverband meine Mail an meinen Kosmetikhersteller weitergeleitet hatte, wurde die Reaktion auf die nochmalige Nachfrage dann schon deutlicher:

„… Produkte sind kosmetische Erzeugnisse, deren Herstellung strenger internationaler Gesetzgebung unterliegt. Ihre Wirkung beschränkt sich ausschließlich auf die oberen Schichten der Haut und kann keinesfalls für Veränderungen in tieferen Schichten verantwortlich gemacht werden. Die Inhaltsstoffe unserer Produkte sind durch die internationale Gesetzgebung sowie die Gesundheitsministerien der jeweiligen Länder eindeutig definiert und zugelassen. Darüber hinaus wird jedes Produkt vor seiner Markteinführung strengen Verträglichkeitstests und dermatologischen Kontrollen unterzogen. Aber auch während und nach der Herstellung eines Produkts wird dieses regelmäßig überprüft und überwacht.“

Es ist heute nicht nur bekannt, dass Inhaltsstoffe über die Lymphbahnen in unseren Körper gelangen, interessant war auch, dass der Hersteller eben zu dieser Zeit nicht nur sein Design änderte, sondern auch die Formulierungen der Produkte an die neue Kosmetikverordnung 2013 anpasste. Produkte mit altem Design und alten Formulierungen fand ich aber auch noch Ende 2013 in den Parfümerien. Soviel zur Sicherheit. Und was heißt dermatologisch geprüft eigentlich- klingt ja sehr gesund und professionell… ich habe gelernt, dass lediglich ein Dermatologe, also ein Hautarzt, bei den Tests ANWESEND sein muss.

Eine weitere E-Mail sendete ich an „Kosmetik transparent“ in Österreich. Die Antwort:

„Viele kosmetische Produkte kommen tagtäglich in Kontakt mit Haut und Schleimhaut. Sicherheit für die Konsumenten ist daher oberstes Gebot. Strenge Gesetze kontrollieren den gesamten Produktionsprozess, von der Auswahl der Rohstoffe bis zum fertigen Kosmetikprodukt. Damit kosmetische Produkte für die Konsumenten garantiert sicher sind, führen Hersteller, EU-Kommission und ihre wissenschaftlichen Beratungskomitees, die nationalen Ministerien und Exekutivorgane eine sogenannte Risikobewertung durch. Dabei werden Stoffeigenschaften und Expositionsbedingungen wie Kontaktdauer und Fläche, Anwendungsmenge und -häufigkeit untersucht.

In den Medien werden oft die Inhaltsstoffe von Kosmetikprodukten diskutiert. Dies führt leider zu einer Verunsicherung von Konsumenten. Doch diese Schlussfolgerungen allein auf Grund der Stoffeigenschaften sind nicht aussagekräftig. Das bloße Vorhandensein beispielsweise von Konservierungsmitteln in einer Gesichtscreme erlaubt keine Rückschlüsse auf die Verträglichkeit dieser Creme. Dazu muss das Gesamtprodukt in seinem Anwendungsbereich bewertet werden. Eine Suppe ist ja auch nicht gesundheitsschädlich, bloß weil sie Kochsalz enthält und dieses in hoher Konzentration tödlich sein kann.“

Die Antwort fällt ja ziemlich beruhigend aus. Danke, dass man mir beim Lesen der Mail mit fettgedruckten Worten hilft… Ich frage mich jedoch, wer eine Höchstgrenze für einen speziellen Stoff festlegt und ob dieser nicht – auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch- gemeinsam mit anderen Produkten und deren Inhaltsstoffe (eine Frau verwendet im Durchschnitt 16 Produkte pro Tag) zu einem Cocktail werden kann, der gesundheitsbedenklich sein könnte. Wer sagt mir also, dass die Überdosis Kochsalz durch nur eine Portion Suppe entsteht und nicht durch viele tägliche Portionen? Die Reaktionen der Produkte untereinander kann wohl kaum jemand feststellen. Und wer kann mir dann eigentlich genau sagen, wie Sonneneinstrahlung mit dem Produkt reagiert? Und wer kann garantieren, dass die Dosierung eines Stoffes im Produkt bei einem Menschen kein Problem ist, bei einem anderen aber schon Schaden anrichten kann. Wir sind schließlich alle verschieden.

Besonders interessant ist auch die Tatsache, dass auf der Homepage von Kosmetik transparent als Mitgliedsfirmen Beiersdorf, Johnson & Johnson, L’Oréal, Procter & Gamble, Schwarzkopf & Henkel und Unilever angegeben sind und sich die Seite als Informationsplattform der Markenhersteller anpreist. Keine unabhängige Seite also, sondern unterwandert von den Giganten der Kosmetik- und Reinigungsmittelindustrie. Sehr transparent.

Und ich fragte weiter: Diesmal bei der AGES, der österreichischen Agentur für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Ich fragte nach der Bedenklichkeit einiger Inhaltsstoffe, u.a. Mineralöl und erhielt die Antwort:

„Die Verantwortung der Sicherheit von kosmetischen Mittel liegt beim Verantwortlichen Inverkehrbringer (dies ist zumeist Hersteller oder Importeur). Im Rahmen der neuen EU-Kosmetikverordnung ist detailliert vorgeschrieben, in welcher Form diese verantwortliche Person die Sicherheit der Produkte gegenüber der Behörde darlegen muss. In dieser sogenannten Sicherheitsbewertung muss eine qualifizierte Person auf Basis der toxikologischen Eigenschaften der Rohstoffe darlegen, dass alle eingesetzten Inhaltsstoffe sicher sind. Dabei müssen auch die Expositionsbedingungen berücksichtigt werden. Ein Aspekt, der auch von manchen NGOs nicht ausreichend berücksichtigt wird („Die Dosis macht das Gift“). Eine behördliche Zulassung vor dem Inverkehrbringen von kosmetischen Mitteln im Gegensatz zu Arzneimittel gibt es nicht. Jedoch überprüft die Lebensmitelaufsichtbehörde gemeinsam mit der AGES stichprobenartig kosmetische Mittel. Kosmetische Mittel die gesundheitsschädlich wären müssten vom Markt genommen werden. Petrochemische Inhaltsstoffe sind in der Kosmetik üblich und sind vor allem lokal gut hautverträglich. Kosmetische Mittel mit Vaseline oder Paraffin wird seitens der AGES nicht als gesundheitsschädlich bewertet… Auch die seriöse Stiftung Warentest bewertet Paraffin als undebdenklich… Eine Ursache warum Öko-Test dem Einsatz von petrochemischen Inhaltstoffen kritisch gegenübersteht ist aber auch der Gedanke der Nachhaltigkeit, den bei Verwendung von petrochemischen Rohstoffe nicht Rechnung getragen wird und wird daher auch deswegen von Naturkosmetikfirmen abgelehnt.“

Und noch mal fragte ich zum Herstellungsprozess nach und schrieb:

„Vielen lieben Dank für die schnelle und informative Antwort! Wenn ich das richtig verstehe gibt es also keine behördliche Zulassung sondern eine EU- Kosmetikverordnung, nach welcher sich der Hersteller richten muss. Kann der Hersteller denn selbst entscheiden, wer seine Kosmetik überprüft und eine Sicherheitsbewertung durchführt?“

Und ich wollte doch auch nochmals wissen, ob meine täglich konsumierten Inhaltsstoffe wirklich nicht in tiefere Schichten der Haut oder gar in den Körper eindringen könnten, so wie mein Hautpflege- Hersteller des Vertrauens das behauptete. Ich erhielt folgende interessante Antwort:

„Richtig, der Hersteller muss sich nach der EU-Kosmetikverordnung richten. Auch kann der Hersteller entscheiden wo er das Kosmetikum prüfen lässt bzw. wer die obligatorische Sicherheitsbewertung erstellt. Geregelt ist nur die notwendige fachliche Qualifikation. Die Sicherheitsbewertung muss von einer Person durchgeführt werden, die „,…im Besitz eines Diploms oder eines anderen Nachweises formaler Qualifikationen ist, der nach Abschluss eines theoretischen und praktischen Hochschulstudiengangs in Pharmazie, Toxikologie, Medizin oder einem ähnlichen Fach …erteilt worden ist“

Kosmetische Mittel, dürfen definitionsgemäß ihre primäre Wirkung nur auf die äußeren Teile (z.B.: die Haut) ausüben. Kleine Moleküle können aber (tlws. unbeabsichtigt) die Hautbarrierie durchdringen und somit systemisch (über den Blutkreislauf) im Körper verteilt werden. Aber genau dieser Aspekt muss in der Sicherheitsbewertung berücksichtigt werden und selbst wenn einzelne Moleküle die Hautbarriere durchdringen müssen diese Stoffe in der jeweiligen Anwendung sicher sein. Und auch hier gilt wieder „die Dosis macht das Gift“.“

Der Hersteller kann sich also seinen Sicherheitsbewerter, der lediglich die nötige Qualifikation mitbringen muss, selbst aussuchen und bestimmen- KEINE Kontrolle von Seiten des Staates oder eine behördliche Zulassung, lediglich stichprobenartige Kontrollen von Produkten, die bereits in den Regalen stehen… Interessant auch, dass Stoffe scheinbar unbeabsichtigt in meinen Körper gelangen können und dort – wer weiß das jetzt schon – Auswirkungen auf meine Gesundheit haben können. Der Kosmetikhersteller meines langjährigen Vertrauens hat mir das Gegenteil versichert. Was für ein Spiel wird hier eigentlich gespielt? Egal welches, die Regeln bestimmt wohl der Kosmetikhersteller allein. Und wir reden hier natürlich nur von den Inhaltsstoffen, das Thema Nachhaltigkeit haben wir noch nicht mal annähernd behandelt….

1 KommentarHinterlasse einen Kommentar

  • Wow – da bin ich ja mal gespannt wie es weitergeht!

    Ich habe auch jahrelang eine bestimmte Creme verwendet, ohne ging es gar nicht, die Haut hat gespannt und fühlte sich schlimm an. Ich habe auf die Creme geschworen und Tag- und Nachtpflege davon verwendet.

    Seit 1 1/2 Jahren verwende ich immer weniger Creme und siehe da – meine Haut braucht auch immer weniger Creme bis fast gar nichts mehr.

    Schon seltsam, oder? Irgendwie habe ich das Gefühl dass viele Produkte ihren Bedarf selbst erzeugen…

    lg
    Maria

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