Der Bio-Betrug. Wie Konzerne die Öko-Idee missbrauchen (Der Spiegel, Nr. 45, 3.11.2014)

Eher zufällig habe ich den Spiegel diesmal in die Hände bekommen und ich bin dankbar dafür. Das lässt mich wieder an Schicksale glauben, die immer für etwas gut sind. Warum? Ich habe mit meinem Freund in letzter Zeit diskutiert, ob wir unsere Lebensmittelbschaffung wie bisher (Adamah, Biomarkt Lange Gasse, Bioladen Hase und Igel) beibehalten oder wieder mehr in Richtung „konventionellen“ Bioprodukten aus dem Supermarkt gehen, da wir im Monat ca. EUR 450,- bis EUR 500,- für Lebensmittel ausgeben. Wir können es uns leisten, ja, aber hin und wieder kommt doch der Gedanke, ob wir nicht etwas einsparen können. Auch in mir meldet sich gelegentlich der homo oeconomicus. Dieser Spiegelartikel hat ihn mir wieder ausgetrieben.

Nun lese ich den Spiegel-Artikel, der wunderbar beschreibt, was in der Biobranche so los ist. Wie die gesteigerte Nachfrage die ursprünglichen Werte, wofür Bio steht, und jene Betriebe, die Bio umfassend – Umweltschutz und Tierschutz – betreiben zerstören. Wie die kapitalistische Keule auch in der Biobranche zugeschlagen hat. Dass der freie Wettbewerb das zerstört, wofür Bio eigentlich steht. Und diese Realität hat mich darin bestätigt, so weiter zu tun, wie bisher. Wir überlegen nun, uns nächstes Jahr ein Pflückfeld beim Haschahof zu pachten, damit wir unser eigenes Biogemüse haben und eventuell habe ich ab Mitte nächstem Jahr wieder etwas mehr Zeit, um mir die FoodCoop im 10. Bezirk anzusehen.

Leider ist der Artikel online nicht verfügbar, weshalb ich hier, die für mich, wichtigsten Punkte und meiner Gedanken dazu wiedergeben möchte.

Begonnen wird die Story mit der Geschichte eines Biobauern, der 40 Jahre lang seltene Erdäpfelsorten angebaut hat und nun seinen Pachtgrund verlor, da dieser teurer an einen Betreiber einer Biogasanlage verpachtet werden konnte. Es ist somit ein Kampf Bio gegen Bio ausgebrochen, da einerseits die Förderung für nachwachsende Energie den Ökobauern und –bäuerinnen zusetzt. Auch die Billigimporte aus dem Ausland spielen eine wesentliche Rolle für das Aufgeben zahlreicher Biobauern und –bäuerinnen. Ich habe das selbst am Biomarkt Lange Gasse erlebt: Die österreichische Melanzani war um EUR 2,-/Kilo teurer, als die italienische. Bei EUR 2,- beginne sogar ich zu überlegen. Weiters wird Bioware wird in der Masse anonym und die Werte der Bewegung verschwinden. Zusätzlich setzen Betrug und Skandale der Branche zu. Auch die Bürokratie trägt ihren Teil dazu bei, dass viele Bauern und Bäuerinnen aufgeben oder wieder in den konventionellen Anbau wechseln. Die Betriebe sind oft klein und verfügen über kein Personal. Das Dokumentieren jeder Kleinigkeit und Einhalten (teilweise irrsinniger) Vorschriften raubt den Bauern und Bäuerinnen viel Zeit und Energie, die sie eigentlich anders investieren könnten. Es kann also festgehalten werden, dass die Ökoproduzenten in der Krise stecken, obwohl gerade jetzt Bioware so gefragt ist, wie nie zuvor. Und das ist das Absurde daran.

Die steigenden Preise konventioneller Ware lassen wieder viele Bauern und –bäuerinnen, die wegen der höheren Marge bei Bioprodukten umgestellt haben, da sie darin das große Geld gesehen haben, wieder umsteigen. Die Profitgier ist der Teufel!

2001 forderte Renate Künasts in Deutschland „Bio für alle“, dieser „Schlachtruf“ hat sich nun zu einem Fluch gewandelt, da die Ökobranche mit Vollgas in die Konventionalisierungsfalle fuhr. Denn viele KonsumentInnen fordern billige Waren, was Masse verlangt und das geht nur auf Kosten der Werte und Ideale des Systems. Deshalb sollte jede/r inne halten, wenn er/sie sich über die Gurke um EUR 0,39 freut und darüber nachdenken, wie dieser billige Preis zustande kommen kann. Das geht sich für niemanden aus. Entweder leidet die Umwelt, der Bauer/die Bäuerin oder die ArbeiterInnen auf den Plantagen, die unter schlimmsten Arbeitsbedingungen auch in Europa arbeiten und Hungerlöhne erhalten. Oder es leiden alle gesamt unter diesen günstigen Preisen. Und da nur, damit wir bei uns billigste Ware zur Verfügung haben.

Mir ist es der höhere Preis wert, um das Ideal des kleinbäuerlichen Betriebs mit glücklichen Hühnern, Schweinen und Kühen, deren Mist in Kreislaufwirtschaft die Äcker düngt, zu fördern und am Leben zu erhalten. Es gibt eigene Bioverbände, die nach ihren eigenen, sehr strengen Richtlinien wirtschaften. Dazu gehört neben Bioland, Naturland oder Gäa auch Demeter. Demeter lernte ich erst heuer kennen und werde die Kooperative in einem eigenen Blogbeitrag genauer vorstellen, die anderen Verbände kenne ich noch nicht. Wenn man/frau sich in das Thema etwas einarbeitet, ist ganz klar, warum die Demeter-Produkte diesen Preis haben. Das 2009 eingeführte EU Biosiegel fordert hingegen nur Minimalvorschriften, dass es vielen Bauern recht einfach ermöglicht, bio zu produzieren. Viele Betriebe betreiben neben der biologischen auch konventionelle Landwirtschaft und das geht für mich einfach nicht zusammen. Ich halte nichts von „so halbert“. Entweder g´scheit oder gar nicht, ist meine Devise. Ich halte nichts davon, dass aus einer Vision ein betriebswirtschaftliches Kalkül geworden ist.

Aber auch sind die KonsumentInnen gefordert, um zu verhindern, dass die Qualitätsstandards der konventionellen Landwirtschaft in den Biohandel Einzug halten. Kauft die krummste Gurke, die ihr findet und den schrumpeligsten Apfel (der schmeckt am besten!). Es kann doch nicht sein, dass genießbare Lebensmittel nur aufgrund ihres Aussehens aussortiert werden. Gefördert wird dies vom KonsumentInnenverhalten. REWE hat das Projekt „Sonderlinge“ gestartet – vermutlich mehr ein Marketingschmäh, als ehrliche Absicht – ich fand es trotzdem gut, da es einmal zum Thema gemacht wurde. Jedoch haben mich zwei Gründe daran gehindert, die Sonderlinge zu kaufen: erstens, weil ich kaum zu Billa einkaufen gehe – warum habe ich schon erörtert – und ich leider selten 1 bis 2 kg Äpfel oder 2 kg Kartoffeln fristgerecht verarbeiten kann. Die Mengen sind wieder einmal für Familien und nicht für Singel- oder Paarhaushalte ausgerichtet. Lohnt sich wahrscheinlich finanziell nicht.

Lange Rede, kurzer Sinn: wir machen weiter wie bisher bei der Lebensmittelbeschaffung. Es ist ein Mehrwert für alle: für Mensch, Tier und Umwelt!

It´s easy being green – Just do it!

Kommentar verfassen